Die Loire – Von der Quelle bis zur Mündung
Die Loire gilt als der letzte wilde Fluss Frankreichs. Über mehr als tausend Kilometer hinweg erzählt sie von der Seele Frankreichs: von Monarchen und Künstlern, von Weinbergen und weiten Landschaften, von pittoresken Burgen und mittelalterlichen Dörfern. Morgens liegt Nebel über ihren Ufern, mittags spiegelt sie das klare Licht des weiten Himmels und abends erstrahlt sie in goldenem Licht. Wer an ihren Ufern entlangfährt, erlebt den langsamen Rhythmus des Reisens.
Früh am Morgen hängt feiner Dunst über den Wiesen und die Silhouetten alter Dörfer treten langsam aus dem Nebel hervor. Zwischen Rebhängen und Sandbänken fließt der Fluss unaufhaltsam weiter, und erzählt die Geschichten, die seine Ufer seit Jahrhunderten kennen. An seinen Biegungen warten Märchenschlösser und Märkte voller Düfte. Die Loire ist nicht nur ein Fluss, sie ist ein Gefühl, ein Dialog zwischen Landschaft, Licht und Geschichte.

Die Loire bahnt sich ungezähmt ihren Weg – zunächst durch enge Gebirgstäler und Schluchten, dann durch die Ebenen Zentralfrankreichs bis zu ihrem Mündungsdelta an der Atlantikküste.
Während der Unterlauf eher breit und träge ist, ist der Oberlauf unberechenbar und bisweilen gefährlich, vor allem, wenn er von Schneeschmelze oder starken Regenfällen in einen reißenden Strom verwandelt wird. Auch ihre zahlreichen Nebenflüsse schwellen an, setzen Sandbänke und Kieshalden unter Wasser und überfluten die Flussniederungen – die Loire ist der einzige unregulierte Fluss Frankreichs.
Es ist den Umweltschützern zu verdanken, dass in den Lauf der Loire nicht eingegriffen wurde und sie als letzter großer Wildwasserfluss Mitteleuropas erhalten blieb. Die naturbelassene Flusslandschaft wird durch tausende kleine Inseln und Sandbänke zum idealen Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Nur drei Staudämme regulieren die Loire am Oberlauf. Sie dienen hauptsächlich dem Hochwasserschutz und der Wasserversorgung. Im Jahr 2000 wurde das Loire-Tal zwischen den Städten Sully-sur-Loire und Chalonnes-sur-Loire zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt.

Die Quellen der Loire liegen am Fuße des Mont Gerbier-de-Jonc, im Süden des französischen Zentralmassivs. Zwischen Grasbüscheln und Steinen sammelt sich das erste Wasser der drei Quellen, die darum wetteifern, welche der wahre Ursprung der Loire ist. Nur wenige Meter von deren Zusammenfluss entfernt stehe ich und lausche. Eine Reise beginnt nicht immer mit Aufbruch, manchmal auch nur mit Hinhören.
In der rauen, dunklen Gebirgswelt der Ardèche ist die Loire noch nicht mehr als ein Rinnsal. Hier ist sie noch kein Fluss, sondern eher ein Versprechen auf den breiten, stillen Strom, der langsam und gemächlich Richtung Atlantik fließen wird.

Erstaunlicherweise fließt die Loire in Richtung Zentralmassiv, also nach Norden. Nur wenige Kilometer westlich bahnt sich die Rhône hingegen breit und mächtig ihren Weg nach Süden zum Mittelmeer. Kurz bevor ich den Mont Gerbier-de-Jonc erreiche, überquere ich die Europäische Wasserscheide. Die Gewässer hinter mir fließen Richtung Mittelmeer, die vor mir Richtung Atlantik oder Nordsee.
Ab Orléans, wo sie ihren Lauf nach Westen richtet, wird sie zu dem Fluss, den alle als „Das Tal der Loire” kennen. Entlang des Flusses reihen sich unzählige kleine und große, fürstliche und königliche Schlösser. Hinter Orléans öffnet sich das Tal zu jener Landschaft, die einen fast übertrieben schönen Ruf hat. Doch dieser Ruf ist gerechtfertigt. Zwischen Blois, Amboise und Tours gleitet die Loire durch eine Welt, in der sich Natur und Geschichte gegenseitig ergänzen.

Die Anfahrt zum Quellgebiet der Loire unter dem markanten Vulkankegel des Mont Gerbier-de-Jonc ist abenteuerlich. Auf engen, gewundenen Gebirgsstraßen erreiche ich Sainte-Eulalie, das auf 1.408 Metern Höhe liegt. Hier oben ist die Landschaft rau und klar: Hochweiden, dunkles Gestein, weiter Himmel, viel Wind.

Am Fuß dieses Vulkankegels entspringt die Loire aus drei Quellen. Welche die „wahre” Loirequelle ist, darüber wird seit Jahrhunderten diskutiert. Mehrere Quellrinnsale – die „geografische“, die „authentische“ und die „wahre“ Quelle – vereinigen sich hier zum jungen Fluss. Der Ort ist touristisch bescheiden: ein kleines Bauernhaus, ein Brunnen und eine Gedenktafel. Doch die Stille hier oben, der Blick über das Hochland und die klare Luft verleihen dem Beginn der Reise eine fast zeremonielle Vorfreude.


Er ist ein schmaler Bach, der zwischen Basaltsteinen hervorsprudelt und sich einen Weg durch Wiesen und Fichtenwälder bahnt. Im Frühling rauscht er, angeschwollen durch die Schneeschmelze, und im Sommer reduziert er sich mancherorts auf ein kaum wahrnehmbares Rinnsal. All dies spielt sich in einer stillen, kargen Berglandschaft ab, von der aus man bei klarem Wetter sogar die Alpen sehen kann. Größere Städte gibt es hier noch nicht. Kleine Dörfer, Bauernhöfe und kurvige Straßen prägen den Beginn meiner Reise.

Die Loire gewinnt jedoch schnell an Geschwindigkeit und Volumen. Viele kleine Gebirgsbäche strömen ihr zu und lassen sie innerhalb weniger Kilometer beträchtlich anschwellen. Sie beschleunigt sich fortwährend, saugt das Schmelzwasser der umliegenden Moore auf und verwandelt sich so in einen wilden Gebirgsbach.

In Brives-Charensac ist die Loire bereits so angestiegen, dass ihr breites Geröllbett von einer mittelalterlichen Brücke überspannt werden muss. Ich merke, welche Kraft die Loire, besonders nach der Schneeschmelze im Frühjahr, haben muss.
Schon von weitem wirkt die Brücke eigenartig: Es handelt sich nicht um einen geschlossenen Bogen von Ufer zu Ufer, sondern um eine Reihe von Bögen, die mitten im Fluss abbrechen, als hätte jemand den Rest ausgelöscht. Erst wenn man näherkommt, erkennt man den Charme dieser steinernen Ruine, die mehr über die Jahrhunderte erzählt als eine intakte Brückenkonstruktion.

Nach wenigen Kilometern flussabwärts erreiche ich Le Puy-en-Velay. Ich kenne die Stadt sehr gut von meinen Reisen entlang der französischen Jakobswege. In Le Puy beginnt der dritte der vier französischen Wege nach Santiago de Compostela: die „Via Podensis“, die durch das wildromantische Massif Central führt. Die jahrhundertealte Begeisterung und der Geist dieser Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela, die Millionen von Pilgern in ihren Bann zog, sind hier noch immer spürbar.

Die Geschichte von Le Puy beginnt im 10. Jahrhundert, als die zunehmende Marienverehrung die Stadt zu einem Sammelplatz und Ausgangspunkt für Wallfahrten nach Spanien machte. Zur Berühmtheit der Kirche trug ab 1254 die Figur der Schwarzen Madonna bei. Der Überlieferung nach wurde sie von Ludwig dem Heiligen von einem Kreuzzug mitgebracht und der Kirche vermacht. Schon sechs Päpste und 13 französische Könige knieten vor der Madonna. Nicht nur vor Ehrfurcht bin ich außer Atem – auch die 134 Stufen zur Kathedrale machen sich bemerkbar!
Die Stadt ist geprägt von mittelalterlicher Architektur, engen Gassen und dem Geruch von frisch zubereiteten Linsengerichten. Die Linsen aus Le Puy sind übrigens mit einem europäischen Herkunftssiegel geschützt.




Nur wenige Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt ist die monumentale, 23 Meter große Statue „Notre-Dame de France”, eine erstaunliche technische Meisterleistung. Sie besteht aus Gusseisen und dominiert seit dem Jahr 1860 die Stadt. Sie wurde aus dem Metall von 213 Kanonen gefertigt, die den Russen während des Krimkriegs abgenommen wurden. Diese schenkte Napoleon III. der Stadt Le Puy.

Auf einem erloschenen Vulkankegel erhebt sich eine prächtige Kapelle, die seit dem 10. Jahrhundert dem Erzengel Michael geweiht ist. Das symbolträchtige und bemerkenswerte Bauwerk ist einer der touristischen Hotspots der Stadt. Um sie zu besichtigen, müssen allerdings zunächst 268 Stufen erklommen werden. Dafür wird man mit einem atemberaubenden Blick auf die Stadt und die Landschaft belohnt.

Unterhalb von Le Puy stürzt sich die Loire in spektakuläre Schluchten, die “Gorges de la Loire”. Sie sind zwar weniger bekannt als die Ardèche-Schlucht, aber dennoch äußerst sehenswert. Steile Felswände aus dunklem Basalt begleiten den Fluss, der hier noch ungebändigt und eigenwillig fließt.


In diesem Abschnitt wird die Loire durch die drei großen Staudämme Grangent, Villerest und Roanne gezähmt. Der Stausee von Grangent ist am malerischsten. Auf ihm befindet sich die Ruine des Schlosses Grangent auf einer Felsinsel, die durch den Stausee entstanden ist.




In Unieux überquere ich die Loire auf der beeindruckenden Schrägseilbrücke. Hier kreuzen sich jahrhundertealte Handelswege. Die Brücke stellt seit jeher einen wichtigen strategischen Übergang zwischen den Tälern und den beiden Uferseiten dar.

Zunächst fließt die Loire durch enge Täler und Schluchten, bevor sie sich allmählich weitet. In dieser Phase ähnelt sie noch einem großen Gebirgsfluss mit Kiesbänken und starker Strömung. Je weiter ich ihr folge, desto deutlicher wird aus dem Bach ein Strom. Die Loire wächst nicht plötzlich, sondern langsam und stetig, Zufluss um Zufluss, bis sie Roanne erreicht.
Der zentrale Treffpunkt in Roanne ist der Marktplatz. Hier befinden sich Bistros und Restaurants, die zum Einkehren und Verweilen einladen. Ob ein schneller Kaffee mit einem Croissant oder ein Glas Wein oder einen Pastis – es ist einfach schön, hier zu sitzen und das Treiben um sich herum zu beobachten. Der große Wochenmarkt mit Lebensmitteln und Blumen findet übrigens immer freitags auf dem Place du Marché statt.


Wenn von Roanne die Rede ist, darf man Troisgros nicht unerwähnt lassen. Die weltberühmten Sterneköche aus Roanne. In der Geschichte der französischen Küche gibt es nicht viele Dynastien. Die Familie Troisgros verkörpert jedoch wie keine andere die französische Küche – vielleicht zusammen mit Bocuse aus Lyon. Sohn, Vater und Großvater erhielten die Auszeichnung „Koch des Jahres”, was in der Sternegastronomie einzigartig ist. Ganz preiswert ist der Gaumengenuss bei Troisgros allerdings nicht. Das „Ce jour-là“-Menü umfasst elf Gänge und kostet 390 €, mit Weinpairing steigt der Preis auf 630 €. Der preiswertere Werktags-Lunch mit 6 Gängen liegt bei 170 € ohne Getränke.
Ich begnüge mich auf dem Weg nach Charlieu mit einem Mittagessen in einem “Resto”, einem einfachen Restaurant für Handwerker und Fernfahrer. Das Essen ist einfach, schmackhaft und ich bin meistens in illustrer Gesellschaft.
Ich erreiche Charlieu, ein kleines Städtchen auf meiner Route, das schon fast an der Grenze zum Burgund liegt. Es ist ein hübscher Ort mit einigen schönen Fachwerkhäusern. Am sehenswertesten ist jedoch die Alte Abtei aus dem 11. Jahrhundert.

Die Benediktinerabtei von Charlieu ist ein Wunderwerk der romanischen Kunst. Das ehemalige Kloster hat Fundamente aus dem neunten Jahrhundert. Das bemerkenswerte Portal und der Kreuzgang stammen aus dem 11. Jahrhundert.

Noch sehenswerter ist allerdings Bourbon-Lancy. In diesem Ort gibt es einige Plätze und Gassen, die von wunderschönen Fachwerkhäusern gesäumt sind. Die mittelalterliche Stadt liegt an der Loire an der Grenze zwischen der Auvergne und dem Burgund. Ich schlendere durch das mittelalterliche Viertel, bestaune das Maison de Bois aus dem 15. Jahrhundert und lasse die Geschichte der Stadt auf mich wirken.
Etwas außerhalb der mittelalterlichen Altstadt liegt das moderne Thermalzentrum. Die heilende Wirkung des Wassers in diesem Kurort ist seit der Antike bekannt und er zählt zu den führenden Thermalzentren Frankreichs.


Nachdem die Loire die „Gorges de la Loire” durchflossen hat – entlang enger Täler mit steilen, bewaldeten Hängen, Wasserfällen und versteckten Weilern –, wird sie breiter, bildet Sandbänke und wird von Weiden und Büschen umsäumt. Sie ist zu beachtlicher Größe angeschwollen. Träge umrundet sie Sandbänke und setzt ihren Weg entlang alter Kirchen, zerfallener Schlösser und eines weiten Himmels fort. Die Rapsfelder erstrahlen in leuchtendem Gelb, der Frühling naht mit voller Kraft.

Ich erreiche Nevers und damit den Zusammenfluss von Loire und Allier. Die Loire wird an dieser Stelle breiter und mächtiger. Lange Zeit bildete sie an dieser Stelle eine Grenze. Während des Hundertjährigen Krieges trennte der Fluss das burgundische vom besetzten Frankreich. Auch für die Alliierten im Zweiten Weltkrieg stellte der Fluss eine Barriere dar, die mit provisorischen Brückenköpfen überwunden werden musste.
Bei meinem Rundgang durch Nevers ist es einfach, sich an den Markierungen auf dem Kopfsteinpflaster zu orientieren, die zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten führen. In einem Bistro gönne ich mir eine Verschnaufpause, genieße einen Kaffee, beobachte die Menschen um mich herum und stelle fest: Ich habe es gut!



Bernadette Soubirous wurde 1844 als Tochter eines armen Müllers in Lourdes geboren. Im Alter von 14 Jahren hatte sie 18 Marienerscheinungen in der Grotte Massabielle, durch die Lourdes zu einem weltberühmten Wallfahrtsort wurde. Sie sah eine weiß gekleidete „Dame” mit Rosen an den Füßen, die sich ihr als „Unbefleckte Empfängnis” offenbarte – ein Dogma, das Bernadette zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennen konnte. Sie grub eine Quelle aus, die heute Millionen Pilger anzieht. Im Jahr 1862 erkannte die Kirche die Echtheit der Erscheinungen an. 1866 floh Bernadette vor dem Ruhm ins Kloster Saint-Gildard in Nevers, wo sie als Ordensschwester lebte. Sie starb 1879 im Alter von 35 Jahren. 1933 wurde sie heiliggesprochen. Ihr Leichnam wurde dreimal exhumiert. Jedes Mal wurde er unversehrt vorgefunden. Er ruht in Nevers im Kloster Saint-Gildard in einer Glasvitrine.

Bernadette Soubirous war die erste Person, die heiliggesprochen wurde und fotografiert wurde.

Nur wenige Kilometer flussabwärts liegt La Charité-sur-Loire, eine kleine Stadt, die im Mittelalter zu den wichtigsten Pilgerzentren Frankreichs zählte. Die Kirche Notre-Dame stürzte im 16. Jahrhundert ein und wurde nie wieder aufgebaut, was der Stadt eine melancholische Wirkung verleiht. La Charité war außerdem Schauplatz einer der berühmtesten Episoden des Hundertjährigen Krieges: Hier wurde Jeanne d’Arc in ihrem Kampf gegen die Engländer zurückgeschlagen.

Auf der Fahrt von Nevers nach Cosne-Cours-sur-Loire befahre ich die Route Nationale 7, die historische Strecke von Paris nach Menton. Für Millionen Franzosen war die N7 in den 1950er- und 1960er-Jahren der Inbegriff von Urlaub und Ferien. Sie war die „Straße der Sehnsucht“ in den Süden, ans Meer. Ich freue mich sehr, einen kurzen Abschnitt meiner französischen Lieblingsroute zu befahren.

Meine Reiseberichte zur Route Nationale 7.
Eine der Hauptsehenswürdigkeiten in Cosne-Cours-sur-Loire ist das Eden Cinema mit seiner fabelhaften Art-déco-Fassade. Das Kino wurde in den 1930er Jahren erbaut und 1994 vollständig renoviert. Es steht unter der Schirmherrschaft von Catherine Deneuve und Bruno Putzulu.
Cosne-Cours-sur-Loire ist ein typisches französisches Kleinstädtchen. Es gibt hübsche Gassen und Straßen zum Bummeln sowie einladende Cafés und Bistros, in denen man sitzen und das Treiben beobachten kann. Und sonntags findet hier immer ein großer Bauernmarkt statt, der Menschen aus der ganzen Gegend anzieht.

Mein erster Weg führte mich in Briare zum Pont-Canal de Briare, einem faszinierenden Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert. Gustave Eiffel entwarf diese Trogbrücke, über die Schiffe die darunterliegende Loire überqueren können. Die Brücke ist ein ästhetisches Wunderwerk aus Eisen und Stein.
Der „Canal latéral à la Loire” führt auf dieser Brücke über die darunterliegende Loire. Der Kanal verläuft im Wesentlichen parallel zur Loire. Durch seinen Bau wurde die aufgrund der Jahreszeit unsichere Schifffahrt auf der Loire zunächst reduziert und schließlich überflüssig gemacht. Bis die Eisenbahn die Schifffahrt vollständig überflüssig machte.

Der Himmel über der Loire fasziniert seit jeher Maler und Fotografen gleichermaßen. Mit seinen grandiosen Wolkenformationen präsentiert er sich abwechslungsreich und dramatisch. Diese einzigartigen Bedingungen entstehen durch die weitläufige Flusslandschaft. Auch der meist niedrige Wasserstand der Loire trägt dazu bei. Das Mittagslicht erzeugt eine Stimmung, die ideal für Landschaftsaufnahmen ist. Bei Sonnenuntergängen taucht goldenes Licht die Landschaft in warme Farben, die durch ideale Spiegelungen noch verstärkt werden.

Ab Cosne-Cours-sur-Loire wird die Landschaft lieblicher, der Horizont weiter und die Hügel sind von Weinreben bedeckt. Ich habe die Weinanbaugebiete der Loire erreicht. Vorbei am sehenswerten Städtchen Gien erreiche ich nach kurzer Fahrt das karolingische Germigny-des-Prés.

In Germigny-des-Prés steht eine prachtvolle kleine Kapelle. Das karolingische Oratorium aus der Zeit Karls des Großen wurde im 19. Jahrhundert restauriert und somit vor dem Verfall gerettet. Das Kirchlein am Weg lädt zu einer Rast, einer Meditation oder einem Gebet ein. Im Inneren der Kapelle befindet sich ein Mosaik aus dem 9. Jahrhundert, das die Bundeslade darstellt. Es besteht aus 130.000 Steinchen und ist aufgrund seiner hervorragenden Erhaltung einzigartig in Frankreich. Es wurde zu seinem Schutz einst unter Gips verborgen und 1820 von Kindern wiederentdeckt, die unter dem Gewölbe spielten und bunte Steinchen auf dem Boden fanden.



Von Germigny-des-Prés aus ist es nur ein Katzensprung nach Orléans. Die charmante Stadt an der Loire verbindet auf besondere Weise Geschichte und französische Lebensart. Besonders beeindruckend ist die Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern und der imposanten Kathedrale Sainte-Croix, die das Stadtbild maßgeblich prägt. Die mächtige Kathedrale ragt über die Dächer, und überall spürt man die Erinnerung an vergangene Jahrhunderte. Überall begegnet man der Geschichte von Jeanne d’Arc, die hier eine wichtige Rolle spielte. Gleichzeitig wirkt Orléans mit seinen Cafés, kleinen Geschäften und schönen Spazierwegen entlang der Loire lebendig und entspannend.

Ich entdeckte die schöne Stadt Schritt für Schritt, Gasse für Gasse, und bestaunte die uralten Fachwerkhäuser. Ich schlenderte durch Innenhöfe und schmale Durchlässe und genieße die Ruhe bei einem Pastis in einem kleinen Café.



Johanna von Orléans wurde um 1412 als Tochter armer Bauern in Frankreich geboren. Während des Hundertjährigen Krieges gegen England behauptete sie, Stimmen von Heiligen zu hören, die ihr auftrugen, Frankreich zu retten. Sie war gerade einmal 17 Jahre alt, als es ihr gelang, den späteren König Karl VII. davon zu überzeugen, ihr Soldaten zur Verfügung zu stellen. Im Jahr 1429 führte sie das französische Heer zur belagerten Stadt Orléans und befreite sie von den Engländern.
Ein Jahr später wurde Johanna gefangen genommen, den Engländern ausgeliefert und in Rouen wegen Ketzerei verurteilt. Im Alter von 19 Jahren wurde sie im Jahr 1431 verbrannt. Viele Jahre später wurde sie posthum für unschuldig erklärt und gilt heute als Nationalheldin Frankreichs.



In Orléans gibt es noch eines dieser wunderschönen, uralten Kinderkarussells, wie man sie nur noch in Frankreich findet. Es wurde wahrscheinlich Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut und seither sicherlich hin und wieder renoviert. Generationen von Kindern sind damit schon gefahren. Heute warten und winken die Kinder von damals vor dem Karussell, bis ihre Enkel juchzend auf den Pferdchen, in den Schiffchen oder in der Prinzessinnenkutsche an ihnen vorbeihuschen.

Das kleine Städtchen Beaugency an der Loire wirkt, als sei es aus der Zeit gefallen. Es ist ein stiller, beinah poetischer Ort, an dem man spazieren gehen, innehalten und die Atmosphäre der Loire-Landschaft genießen kann. Die schmalen Gassen sind von Häusern gesäumt, deren Mauern viele Jahrhunderte gesehen haben. Die Hektik des Alltags ist hier weit entfernt. Erst als ich den steilen Aufstieg vom Loireufer in den Ortskern bewältigt habe, erschließt sich mir die Besonderheit dieses Städtchens. Aber es lohnt sich …


Das Loiretal ist vor allem für seine Renaissance-Schlösser berühmt. Im Gegensatz zu mittelalterlichen Burgen waren diese nicht in erster Linie als Festungen konzipiert, sondern als prachtvolle Wohn- und Lustschlösser. Sie entstanden, als die französischen Könige im 15. und 16. Jahrhundert ihren Hof ins Loiretal verlegten. Dadurch wurde die Region zum politischen und kulturellen Zentrum Frankreichs. Ab Orléans komme ich in diese wunderbare und einzigartige Gegend.
Das Highlight meines Rundgangs in Blois ist das beeindruckende Königsschloss auf einem Hügel über der Stadt. Es diente sieben Königen und zehn Königinnen als Residenz, darunter Katharina von Medici. Besonders faszinierend ist die spiralförmige Freitreppe im Innenhof.



Alle 30 Minuten erscheinen sechs goldene Drachenköpfe aus den Fenstern des „Maison de la Magie” und bewegen sich. Das Museum ist dem berühmten Zauberer Jean Eugène Robert-Houdin gewidmet. Dieser führte in Paris ein Magiertheater mit seinen wunderbaren Zauberautomaten.

Die schönste Sicht auf die Stadt hat man von der Loirebrücke aus. Ich stehe auf der Brücke und schaue flussaufwärts und die Stadt liegt wie hingemalt vor mir: Dunkle Schieferdächer, sandsteinfarbene Fassaden und hoch über allem das Schloss – alles im warmen Licht des Sonnenuntergangs.

Zwischen Orléans und Angers gibt es je nach Zählweise zwischen 300 und 400 Schlösser. Die etwa 40 bis 50 großen und bekannten Loire-Schlösser werden als touristische Hauptschlösser bezeichnet. Ich muss mich also entscheiden und mir die aus meiner Sicht interessantesten aussuchen.






Chambord ist das größte Schloss an der Loire. Schon von weitem beeindruckt das riesige Gebäude mit seinen zahlreichen Türmen und Schornsteinen. Ein wahres Märchenschloss! Besonders sehenswert ist die doppelläufige Wendeltreppe im Inneren, auf der Personen gleichzeitig nach oben und unten gehen können, ohne sich zu begegnen. Vom Dach aus hat man einen fantastischen Blick auf die Türme und Türmchen des Schlosses sowie auf die umliegenden Wälder.
Erst beim zweiten Hinsehen bemerkt man, dass das Gebäude überhaupt nicht symmetrisch ist, sondern dass die Symmetrie nur eine Illusion ist.






Von Chambord aus führt mich meine Route südwestlich vorbei an kleinen Dörfern wie Sambin oder Montrichard und durch Weinberge, bis ich schließlich das Tal des Flusses Cher erreiche. Genau dort liegt Chenonceau. Das Schloss überspannt den Cher buchstäblich, was den Anblick besonders beeindruckend macht. Um dieses Schmuckstück zu besuchen, musste ich das Tal der Loire also kurzzeitig verlassen.
Der Kontrast zwischen den beiden Schlössern könnte nicht größer sein: Während Chambord gewaltig und fast unnahbar wirkt, ist Chenonceau zierlich, elegant und scheint dem Wasser so nah, dass es darüber zu schweben scheint.
Als ich am Schloss ankomme, ist es noch früh am Morgen. Es sind kaum Besucher vor Ort und eine wunderbare Stille und Ruhe liegt über dem Fluss Cher. Eine friedliche Stimmung umgibt mich. Die letzten Nebelschwaden über dem Cher werden von der aufgehenden Sonne vertrieben und das Schloss erstrahlt in der Morgensonne.



Mit seinen eleganten Bögen über dem Fluss Cher zählt das Château de Chenonceau zu den berühmtesten und malerischsten Schlössern Frankreichs. Obwohl es im Laufe der Jahrhunderte viele Besitzer hatte, ist seine Geschichte vor allem mit den außergewöhnlichen Frauen verknüpft, die es prägten. So ließ etwa Katharina von Medici, Königin von Frankreich, prächtige Gärten anlegen, während Diane de Poitiers, die Favoritin König Heinrichs II., den Bau der bekannten Galerie über dem Fluss Cher initiierte. Ihr Einfluss machte Chenonceau nicht nur zur Festung, sondern auch zum Sinnbild für Kultur, Luxus und Macht.

Während des Zweiten Weltkriegs bildete der Cher die Demarkationslinie zwischen dem von Deutschland besetzten Norden und dem sogenannten „freien“ Süden Frankreichs. Das Schloss Chenonceau lag genau auf dieser Grenze: Seine nördliche Hälfte gehörte zur Besatzungszone, die südliche zur freien Zone. Dadurch nahm es eine besondere Rolle ein. Die berühmte Galerie über den Fluss diente als geheimer Übergang, über den Flüchtlinge, Widerstandskämpfer und Juden in den Süden gelangten. So wurde Chenonceau zu einem stillen Zufluchtsort während der Besatzung. Im Gegensatz zu vielen anderen französischen Schlössern blieb es im Krieg weitgehend verschont, sodass seine historischen Räume, Möbel und Kunstwerke bis heute nahezu unversehrt erhalten sind.
Zurück an der Loire liegt Amboise vor mir. Eine schmucke Stadt direkt am Ufer der Loire mit einer hübschen Altstadt und einer schönen Promenade entlang des Flusses.

Das Besondere an Amboise ist nicht so sehr das Schloss hoch über der Loire, sondern das etwas außerhalb des Ortes gelegene Schlösschen Clos Lucé. In diesem befindet sich ein kleines Museum über Leonardo da Vinci. Es war die letzte Wohnstätte Leonardos. Er lebte dort als Gast des Königs Franz I., der von seinem Talent überwältigt war. Und so ernannte er ihn zum „Maler, Ingenieur und Architekten des Königs“. Da Vinci starb im Frühjahr 1519 in Clos Lucé.
Wer sich für Leonardo da Vinci und seine Erfindungen interessiert, ist hier genau richtig. Die Eintrittspreise sind allerdings ziemlich gesalzen.

Vor mir liegt die Großstadt Tours. Sie ist natürlich wenig wohnmobiltauglich, Parkplätze sind Mangelware. Ich suche mir deshalb die Endhaltestelle (Lycée Jean-Monnet) der einzigen Straßenbahnlinie zum Parken aus und erreiche so bequem mit der Tram die Innenstadt.
Tours ist eine Großstadt im Herzen des mittleren Loire-Tals. Sehenswert sind das schöne Altstadtviertel „Vieux Tours“ und natürlich die wunderschöne Kathedrale Saint-Gatien. Ihre Fassade mit den grazilen Türmen und den bunten Glasfenstern ist ein echtes Meisterwerk gotischer Baukunst. Während die breiten Boulevards an Paris erinnern, wirkt die Altstadt mit ihren mittelalterlichen Fachwerkhäusern und kleinen Plätzen fast ländlich.
Ich unterbreche meinen Stadtbummel und probiere in einem kleinen Bistro Rillettes de Tours, eine Spezialität aus Schweinefleisch, die mit frischem Baguette einfach köstlich schmeckt. Auf dem Markt Les Halles gibt es unzählige Stände mit Käse, Wein und frischen, regionalen Produkten – ein Schlaraffenland! In einem kleinen Café gönne ich mir einen Kaffee und beobachte die Menschen auf der Straße: ein älteres Ehepaar mit Einkaufstaschen, junge Leute auf Fahrrädern, Touristen mit Kameras und ein verliebtes Pärchen. Es ist wie eine Theateraufführung.


Der Place Plumereau in Tours zählt zu den schönsten und hübschesten Plätzen im Loiretal und bildet das geschichtliche Herz der Altstadt. Er ist von prächtigen, zum Teil über 500 Jahre alten Fachwerkhäusern umgeben, die ihn zu einem der am besten erhaltenen mittelalterlichen Plätze Frankreichs machen. Die charakteristischen Häuser prägen das verträumte Bild des gesamten Platzes. Früher war der Place Plumereau ein wichtiger Markt- und Handelsort der Stadt.
Heute ist der Place Plumereau ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Touristen. Man verabredet sich am „Place Plum”. Rund um den historischen Platz reihen sich Cafés, Restaurants und Bars aneinander, die besonders an warmen Abenden gut besucht sind. Es ist wunderschön, die engen Gassen der Umgebung zu durchstreifen und anschließend in einer Bar bei einem kleinen Kaffee oder Aperitif die Zeit zu genießen!

Nur wenige Schritte durch die angrenzenden Gassen entfernt steht die Basilika des heiligen Sankt Martin. Der Legende nach ereignete sich im Jahr 338 das, was Martin von Tours weltberühmt machte: Als berittener Soldat begegnete er am Stadttor von Amiens einem frierenden Bettler und schenkte ihm die eine Hälfte seines Mantels, den er mit dem Schwert geteilt hatte. In der folgenden Nacht soll ihm Christus im Traum erschienen sein, bekleidet mit dem Mantelteil: Er war es, der Martin als Bettler geprüft haben soll. Wer kennt diese Geschichte nicht aus seiner Kindheit!
Martin starb in Candes, einer Ortschaft, die etwa 40 Kilometer westlich von Tours an der Loire liegt und heute den Namen „Candes-Saint-Martin” trägt. Da man seinen Leichnam nicht herausgeben wollte, entführten ihn bei Nacht und Nebel Mönche aus Tours und brachten ihn auf der Loire nach Tours, wo er drei Tage später, am 11. November, beigesetzt wurde. Dieser Tag ist noch heute sein Namens- und Festtag.
Nach der Hektik der Stadt ist die Basilika St. Martin ein schöner Ort, um für ein paar Minuten innezuhalten und die Ruhe zu genießen. Ein Besuch der Gruft mit dem Grab des Heiligen ist äußerst beeindruckend.


Umgeben von Wasser und eingebettet in eine gepflegte Parklandschaft wirkt das Château d’Azay-le-Rideau wie aus einem Märchen. Seine anmutige Renaissance-Architektur spiegelt sich im ruhigen Wasser der Indre und macht es zu einem der fotogensten Schlösser der Loire.
In den Sommermonaten kann man abends eines der stimmungsvollsten Highlights einen Loire-Reise erleben: die illuminierte Schlossanlage bei der nächtlichen Lichtshow. Sobald es dunkel wird, verwandelt sich das ohnehin märchenhafte Schloss in eine fast unwirkliche Kulisse. Die Renaissancefassade scheint beinahe zu schweben, wenn man die Farben und Lichtprojektionen im Wasser betrachtet. Besonders beeindruckend ist die Atmosphäre im Park, wo man zwischen beleuchteten Bäumen und historischen Mauern zu klassischer Musik durch die Nacht flaniert. Azay-le-Rideau wirkt wie in einem historischen Traum.



Ich folge der sanften Hügellandschaft entlang der Loire und erreiche das Saumurois, die Region um Saumur. Sanfte Hügel, ausgedehnte Weinberge und die langsam dahinfließende Loire prägen das Bild dieser Gegend. Weiß schimmernde Tuffsteinfelsen, in die über Jahrhunderte Weinkeller und Häuser gegraben wurden, verleihen der Landschaft ihren ganz eigenen Charakter. Zwischen kleinen Dörfern, romanischen Kirchen und prächtigen Schlössern entfaltet sich hier eine stille, liebliche Seite Frankreichs.

Mein Ziel ist die Abbaye de Fontevraud. Die Abtei ist eine der größten mittelalterlichen Klosteranlagen Europas und die Grabstätte der Plantagenet-Könige. Diese französischstämmige Herrscherdynastie stellte die Könige von England.
Bei einer Reise durch das Loire-Tal denkt man an Schloss Chambord, an Schloss Chenonceau und vielleicht auch an Schloss Villandry. Doch kaum jemand erwähnt Fontevraud – und genau deshalb sollte man dorthin fahren. Wenn man zum ersten Mal hierherkommt, ist man überrascht: Die Straße führt durch sanfte Hügel, dann tauchen Weinberge auf und plötzlich steht man vor einem der größten klösterlichen Ensembles Europas.
Jahrhundertelang wurde sie als Gefängnis genutzt, doch seit den 1970er Jahren wird sie behutsam restauriert. Heute empfängt sie mich mit wunderbarer Stille.



Hier ruhen vier bemalte Liegefiguren aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Eleanor von Aquitanien, Heinrich II., Richard Löwenherz und Isabelle von Angoulême. Die Farben sind längst verblasst, doch die Erhabenheit ist geblieben. Das Herz von Richard Löwenherz wurde in Rouen bestattet, sein Leib ruht hier.


Es sind weder das wirklich großartige Schloss von Angers noch die schmucken, alten Fachwerkhäuser in der Altstadt, die mich begeistern. Es ist der herrliche Wandteppich aus dem 12. Jahrhundert, der mich fasziniert.


Ich hatte ehrlich gesagt nicht viel erwartet. Ich dachte: “Ein alter Teppich.” Er ist zweifellos groß und natürlich auch historisch bedeutsam. Sogar ein UNESCO-Weltkulturerbe. Doch als ich durch die Tür in die eigens dafür errichtete Ausstellungshalle trete und meine Augen sich an das gedämpfte Licht gewöhnt haben, bin ich überwältigt.
Der Apokalypse-Wandteppich von Angers ist ein mittelalterliches Meisterwerk, das die Visionen der Offenbarung des Johannes darstellt. Mit einer Länge von 103 Metern und einer Höhe von 4,3 Metern ist er der größte Wandteppich, der je in Europa gewebt wurde – und das ist noch nicht einmal das Original. Ursprünglich war das Werk noch größer: Jedes seiner sechs Elemente war sechs Meter hoch und über 23 Meter lang, sodass es eine Gesamtlänge von über 140 Metern hatte. Er wurde ab 1373 im Auftrag von Herzog Ludwig I. von Anjou angefertigt. Neun Jahre lang wurde daran gearbeitet.
Der Teppich wäre heute fast nicht mehr vorhanden. Während der Französischen Revolution wurde er zerteilt und als Decken, Bettvorleger oder Abdeckplanen verwendet, um Obstbäume im Winter vor der Kälte zu schützen. Im Jahr 1843 erfolgte die Rettung. Der Bischof von Angers erwarb einen großen Teil der Fragmente, andere wurden nach langem Suchen wiederentdeckt. Trotzdem bleibt etwa ein Drittel der Szenen für immer verloren.



Das Saumurois ist eine leicht hügelige Landschaft am mittleren Lauf der Loire östlich von Angers. Sie gilt als Zentrum einer der bemerkenswertesten Wohntraditionen Europas. Seit über tausend Jahren werden in dieser Region Wohnhäuser aus Tuffstein errichtet, einem weichen, hellen Sedimentgestein, das sich leicht bearbeiten lässt und gleichzeitig fest genug ist, um als Steinmaterial für Gebäude, Weinkeller und Kirchen zu dienen.
Die Geschichte dieser sogenannten „Maisons troglodytiques” ist äußerst interessant. Als im Mittelalter die Loire-Burgen und -Kathedralen gebaut wurden, benötigte man Unmengen an Baumaterial. Die Handwerker gruben den Tuffstein aus den Hängen aus und hinterließen dabei großräumige Höhlen. Die Bevölkerung erkannte das Potenzial dieser Höhlen: Die Löcher wurden zu Wohnräumen. Die Temperatur liegt das ganze Jahr über konstant bei 12 bis 14 Grad Celsius – angenehm im Sommer und nicht zu kalt im Winter.
Um zu verstehen, wie eine ganze Gemeinschaft unter der Erde lebte, bin ich nach Louresse-Rochemenier gefahren, einem kleinen Ort südlich von Doué-la-Fontaine. Hier hat sich ein außergewöhnliches Ensemble erhalten: ein unterirdisches Dorf, das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bewohnt war und heute als Museum zugänglich ist.



Wie ein silbernes Band schlängelt sich die Loire sanft durch Wiesen und Hügel und begleitet mich. Sie fließt an Feldern vorbei und durch kleine Dörfer, in denen die Zeit langsamer zu vergehen scheint. In großen Bögen schimmert das Wasser, Sandbänke tauchen wie kleine Inseln auf und Fischreiher stehen regungslos im flachen Wasser.

Kurz vor Nantes beginnt die Landschaft sich zu verdichten. Gewerbegebiete und Vorstädte kündigen die Metropole an, dann tauchen schließlich die Türme der Stadt am Horizont auf.
Nantes ist die größte Stadt auf meiner Reise entlang der Loire. Die Großstadt hat fast 300.000 Einwohner. Nantes ist auf jeden Fall sehenswert. Ob die Kathedrale St. Peter und St. Paul, die Fachwerkhäuser in der Altstadt oder das Schloss der Herzöge der Bretagne aus dem 15. Jahrhundert – für all das nehme ich mir Zeit. Nantes ist außerdem eine Studentenstadt. Entlang der Loire und der Erdre gibt es viele bewohnte Hausboote, Studentenkneipen und ein „alternatives Leben”.



Das letzte der zahlreichen „Schlösser der Loire“ ist das „Château des Ducs de Bretagne“ in Nantes.

Wer gerne einkaufen geht, findet in Nantes viele kleine Geschäfte, die zum Stöbern einladen. Eine ganz besondere „Flaniermeile“ ist die mondäne Passage Pommeraye. Sie zählt zu den eindrucksvollsten und schönsten Passagen Europas. Die im 19. Jahrhundert errichtete Eisenkonstruktion mit Glasdächern und der ersten Gasbeleuchtung der Stadt wurde von den Pariser Passagen inspiriert.

In Nantes gibt es auf den Loire-Inseln einen ganz besonderen Ort zu entdecken: „Les Machines de l’île”. Hier werden bis zu 12 Meter hohe Tiere aus Holz und Stahl mechanisch in Szene gesetzt. Wer möchte, kann sogar auf ihnen reiten. Alles ist ein bisschen skurril, aber sehr interessant anzusehen. Ein Muss für „Technikfans“.


Es gibt Städte, Dörfer und Plätze in Frankreich, die ich immer wieder unverhofft für mich entdecke und die mich begeistern. Einer dieser Orte ist La Pellerin. Hier gibt es eine Autofähre für Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen, die nach Couëron fährt. Für mich ist es ein magischer Ort. Ein Ort, der für mich typisch französisch ist.
Ich komme zur Mittagszeit hier an. Im Café an der Anlegestelle der Fähre sitzen Handwerker in ihrer Mittagspause. In der Bäckerei nebenan haben sie sich mit einem Mittagessen versorgt: lange, schlanke, knusprige Baguettes, dick belegt mit Butter und Schinken. Genau so, wie ich es vor 50 Jahren als Austauschschüler von meiner französischen Gastfamilie auf Ausflügen als Verpflegung mitbekommen habe. Und es ist selbstverständlich, dass die mitgebrachten Brote im Café nebenan verspeist werden dürfen.
Ich setze mich auf einen Kaffee dazu. Nur das Lachen der Café-Gäste ist zu hören, während im Hintergrund die Fähre über die Loire tuckert. Es ist unglaublich friedlich und schön hier. Frankreich eben.
Von Basse-Indre aus gibt es noch eine weitere Fähre nach Indret. Mit beiden Fähren kann man kostenlos erst auf die rechte und dann auf die linke Loireseite wechseln. Das ist eine tolle Abwechslung auf der Reise. Allerdings sollte man den Überhang seines Wohnmobils im Auge behalten.



Hinter Nantes wird die Loire so breit, dass sie wirkt, als wäre sie bereits Teil des Ozeans. Ruhig fließt sie Saint-Nazaire entgegen. Das Wasser des Atlantiks dringt bis in den Fluss vor. Am Ende ihrer langen Reise durch das Herz Frankreichs wird die Loire langsamer, breiter und ruhiger. Die Landschaft öffnet sich, die Ufer werden flacher und das Wasser verliert die Eile, mit der es weiter im Landesinneren geflossen ist. Schilf wiegt sich im Wind, Möwen kreisen am Himmel und in der Luft liegt bereits der salzige Geruch des Meeres.

Der Fluss weitet sich zu einer breiten Mündung ins Meer. Süß- und Salzwasser vermischen sich. Der Himmel verändert sich, fast wie über dem Meer. Während Frachtschiffe langsam vorbeiziehen, schaukeln kleine Boote in den Gezeiten am Ufer. Man spürt, dass der Fluss an dieser Stelle nicht mehr nur Fluss ist, sondern bereits Teil des Atlantiks geworden ist.
Die Loire-Brücke von Saint-Nazaire überspannt die Mündung der Loire in einem eleganten Bogen. Mit einer Länge von drei Kilometern ist sie eine der größten Hängebrücken Europas. Es macht Spaß, auf der mautfreien Brücke zunächst die steile Rampe hinaufzufahren und dann auf der Südseite in einer langen Schleife wieder hinunter. Und weil es so schön war, gleich noch einmal!

Schließlich gibt es keinen klaren Punkt mehr, an dem man sagen könnte: Hier endet die Loire und das Meer beginnt. Das Wasser wird einfach immer unruhiger und salziger, bis der Fluss schließlich ganz im Atlantik aufgeht. Nach einer über tausend Kilometer langen Reise erreicht die Loire ihr Ziel und verliert sich im endlosen Horizont des Ozeans.
