Dordogne – Von der Quelle bis zur Mündung

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Entlang der Dordogne und ins Périgord

Kürzlich habe ich wieder einmal einen der Krimis mit Kommissar Bruno gelesen. Der löst seine Fälle ja bekanntlich im Périgord. Diese Geschichten haben in mir die Sehnsucht nach einer Reise an die Dordogne geweckt. Die Dordogne ist einer dieser geheimnisvollen Flüsse Frankreichs. Sie entspringt in der Auvergne, fließt durch das Tal der Dordogne in Zentralfrankreich, vereinigt sich in der Nähe von Bordeaux mit der Garonne und mündet schließlich bei Royan in den Atlantik.

Dordogne

Die Dordogne entspringt an den Hängen des Puy de Sancy, einer teils felsigen, teils grünen Gebirgslandschaft und mit 1.885 m der höchste Berg des Zentralmassivs. Genau genommen entsteht die Dordogne aus dem Zusammenfluss zweier kleiner Gebirgsbäche, der Dore und der Dogne. Ihr Name ist die schlichte Verschmelzung dieser beiden Ursprungsgewässer. Beide Bäche sammeln das Schmelzwasser und die Niederschläge des umliegenden Hochplateaus der Monts Dore, einer zerklüfteten Landschaft im Zentrum der Auvergne.

bei Beaulieu-sur-Dordogne

Die Dordogne ist der einzige Fluss Frankreichs, dessen gesamtes Einzugsgebiet zum UNESCO-Weltbiosphärenreservat gehört. Er durchfließt Regionen, die nie stark industrialisiert waren. Unberührte Landschaften und gut erhaltene mittelalterliche Städte und Dörfer säumen ihren Lauf. Auf ihrer gesamten Länge ist die Dordogne zudem einer der saubersten Flüsse Europas.

Das Tal der Dordogne gilt als Wiege der Menschheit. Das benachbarte Tal der Vézère wird sogar Vallée de l’Homme, Tal der Menschheit, genannt. Eine der ersten Menschengruppen lebte in dieser Gegend. Viel später wurde es von den Römern erobert und war im Mittelalter, während des Hundertjährigen Krieges, ein begehrtes Ziel der Engländer.

Dordogne bei Argentat

Die Dordogne ist auch ein Synonym für das Périgord – für mich die schönste Region Frankreichs. Wenn es irgendwo ein Paradies gibt, dann muss es so sein wie das Périgord!

Hinter dem Bergdorf Le Mont-Dore, tief in der Auvergne, beginne ich eine Wanderung mit schöner Aussicht auf den Puy de Sancy, um an die Quelle der Dordogne zu gelangen. Mächtig erheben sich die steilen Felsen der umliegenden Gipfel, als ich nach etwa 30 Minuten das Quellgebiet der Dordogne erreiche. Auf etwa 1600 m Höhe vereinigen sich hier die kleinen Gebirgsbäche Dore und Dogne.

Source de la Dordogne
Source de la Dordogne – Die Dore auf der rechten Seite und die Dogne auf der linken Seite vereinigen sich zur Dordogne

Die Umgebung der Dordognequelle ist geprägt von der typischen Hochlandschaft der Auvergne: Weite Almwiesen, die im Sommer leuchtend grün schimmern, dunkle Basaltfelsen und der allgegenwärtige Wind, der über die baumlosen Kuppen streift. Im Winter liegt das Gebiet oft tief unter Schnee und die Quelle selbst ist dann kaum zu erahnen.

Leider verlief meine Wanderung zur Quelle der Dordogne nicht ganz wie geplant. Dass ich zunächst den falschen Weg einschlug und viele unnötige Höhenmeter zurücklegte, lag an meiner Ungeduld, endlich am Ursprung des Flusses zu sein. Das hat sich vielleicht doch auf den Rest der Wanderung ausgewirkt, denn ich war schon ziemlich erschöpft, als ich endlich an der Quelle angekommen bin.

Mich beeindruckt es, an diesem Ort zu sein, an dem ein so mächtiger und geschichtsträchtiger Fluss entspringt. Ich empfinde es nahezu als mystisch. Ich mache Fotos für meinen Reisebericht und beginne dann mit dem Abstieg.

Und dann passiert das Unglück!

Offensichtlich habe ich eine Stufe oder ein loses Brett auf dem etwa einen Meter über der Dordogne verlaufenden Holzsteg übersehen, der nur auf einer Seite ein Geländer hat. Ich knalle auf den Steg und stürze in den Bach! Eine Gruppe Wanderer kommt mir schnell zu Hilfe. Zunächst scheint mir nichts Schlimmes passiert zu sein. Ich bin bei klarem Verstand und es scheint nichts gebrochen zu sein. Die netten Franzosen fischen meine Brille, mein Handy und meine Kamera aus dem Wasser. Und ich sitze nass wie ein begossener Pudel im Bach.

Source de la Dordogne

Als sich der Schock gelegt hat, merke ich, dass mir schwindelig ist und ich Schmerzen in der Brust habe. Hilfe naht in Form der herbeigerufenen „Gendarmerie Montagne”. Nach einem mehr als fragwürdigen „Gesundheitscheck” liefern sie mich einfach mit dem Jeep am Wohnmobil ab. Ich habe mich noch nie so einsam gefühlt wie in diesem Moment!

Was soll ich tun? Ich telefoniere mit meiner Frau und wir beschließen, dass ich nach Hause fahren soll, sobald ich mich dazu in der Lage fühle. Und so mache ich mich, vermutlich doch noch unter Schock stehend, auf den mehrstündigen Weg zurück nach Freiburg. Der Arzttermin am nächsten Tag verläuft zunächst einmal beruhigend. Es ist nichts gebrochen, ich habe Hautabschürfungen, starke Lungen- und Rippenprellungen sowie eine dicke Beule am Kopf. Das ist alles nicht besonders gefährlich, aber es tut höllisch weh! Zumindest haben die Kamera und das Smartphone die „Taufe” in der Dordogne unbeschadet überstanden.

Etwas mehr als ein Jahr nach meinem Unfall kehrte ich an diesen Ort zurück.

Die Reise entlang der Dordogne hat mich nicht losgelassen, weshalb ich die Tour erneut in Angriff nehme. Hier beginnt wieder alles von vorn. 480 Kilometer Strom, Geschichte, Verheißung. Eine Stimmung aus Ehrfurcht und Erwartung zugleich.

In der Nähe der Quelle der Dordogne führt eine Seilbahn auf den Gipfel des Puy de Sancy. Von der Bergstation sind es allerdings noch 900 Treppenstufen bis zum Gipfel. Aber auch von der Bergstation habe ich einen herrlichen Panoramablick auf die “Chaine de Puy”.

Puy de Sancy
Blick vom Puy de Sancy
Blick vom Puy de Sancy

Vom Quellgebiet aus fließt die noch junge Dordogne zunächst durch enge, bewaldete Täler. Das Wasser ist kalt, klar und schnell – ein typischer Gebirgsbach, der über Steine und Felsstufen schäumt und brodelt.

Nach nur wenigen Kilometern ist Le Mont-Dore erreicht. Der Ort verdankt seinen guten Ruf der reinen Luft, dem Thermalwasser und der Qualität des Skigebiets. Das Herzstück des Ortes ist das Kurhaus. Das Ende des 19. Jahrhunderts im neobyzantinischen Stil umgebaute Gebäude beeindruckt im Inneren mit Mosaiken, Rundbögen und Säulen. Es ist ein Bauwerk, das von einer Zeit erzählt, als die wohlhabende Gesellschaft Europas Sommerfrische und Kuren zelebrierte und Le Mont-Dore eine begehrte Adresse war. Diese guten Zeiten sind aber längst vorbei. Das Städtchen macht einen sehr verschlafenen Eindruck. Vielleicht ist es im Winter, wenn die Skifahrer kommen, angenehmer.

Le Mont-Dore – Kurhaus
Le Mont-Dore
Le Mont-Dore – Lost Place
Le Mont-Dore – Café de Paris

Eine ganz besondere Empfehlung gilt dem „Funiculaire du Capucin“, der ältesten Standseilbahn Frankreichs. Sie wurde 1897/98 erbaut und ihre Holzwaggons werden im Antriebsraum der Gipfelstation mit hölzernen Rädern und Lederriemen angetrieben. Die Bahn bringt Besucher von Le Mont-Dore aus auf 1.286 Meter Höhe zu einer Lichtung am Salon du Capucin, die als Ausgangspunkt für Wanderungen dient. Der Eingang zur Bahn und die Fahrkartenschalter sind ein wunderbares Relikt aus der Belle Époque. Wer hier oben steht und die Dordogne in ihrem schmalen Bett rauschen sieht, ahnt, welche weite Reise dieser Fluss noch vor sich haben muss, bis er schließlich das Meer erreicht.

Der Funiculaire du Capucin ist nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern eine Attraktion für sich. Allzu ängstlich sollte man allerdings nicht sein. Die Kabine sieht zwar solide aus, quietscht und klappert aber an allen Ecken.

Funiculaire du Capucin
Funiculaire du Capucin

Nur wenige Kilometer talabwärts, da wo die Dordogne bereits etwas an Fahrt gewonnen hat, liegt La Bourboule. Die kleine Kurstadt hat eine ganz eigene Atmosphäre und viel Charme. Ich spaziere durch das Zentrum und entdecke wunderschöne Häuser im Stil der Belle Époque. Villen mit verzierten Balkonen, elegante Kurhotels und ein Casino zeugen davon, dass La Bourboule einst ein beliebtes Reiseziel der europäischen Oberschicht war.

La Bourboule

Bei einer Reise in die Auvergne kommt man nicht umhin, sich mit dem Thema Käse zu beschäftigen. Nirgends sonst – vielleicht mit Ausnahme des Allgäus – wird regionaler Käse in einer solchen Vielfalt hergestellt. Wenn man durch die grünen Hochplateaus und erloschenen Vulkankegel des Massif Central fährt, eröffnet sich eine Welt voller Aromen, Traditionen und Handwerkskunst – und das an jedem Käsestand, in jeder Fromagerie und auf jedem Wochenmarkt.

Wer all diese Schätze an einem Ort erleben möchte, dem sei ein Besuch der Fromagerie Subirana empfohlen. Die Käserei lädt dazu ein, den authentischen Geschmack der Käse aus dem Sancy-Massiv zu entdecken und betreibt dafür zwei Geschäfte in Le Mont-Dore und La Bourboule. Der Standort in La Bourboule befindet sich in der historischen Maison Rozier, einem denkmalgeschützten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert.

La Bourboule – Fromagerie Subirana
Ein sonntägliches Boulespiel in La Bourboule

Die Straße, die der Dordogne flussabwärts folgt, ist kein Schnellweg. Sie windet sich durch Wälder aus Buchen und Fichten, passiert Weiler aus dunklem Vulkanstein und überquert Brücken, unter denen das Wasser grünblau schimmert. Die Landschaft gehört zum Parc Naturel Régional des Volcans d’Auvergne, einem der artenreichsten Naturparks Frankreichs.

Dordogne bei La Bourboule

Die Dordogne verläuft unweit der Straße, aber sie ist nur auf schmalen, steilen Wanderwegen zu erreichen. Zahlreiche Bäche strömen der Dordogne zu, bis diese schließlich den Stausee von Bort-les-Orgues erreicht.

Barrage de Bort-les-Orgues

Hier eröffnet sich ein Blick auf etwas Traumhaftes: Das Château de Val, ein mittelalterliches Schloss mit sechs Türmen, die alle unterschiedlich gestaltet sind, spiegelt sich im großen Stausee. Es thront auf einem Felsvorsprung inmitten des Wassers. Als das Tal 1951 für die Stromgewinnung geflutet wurde, blieb das Château erhalten, während drei Dörfer und eine Eisenbahnlinie in den Fluten versanken.

Château de Val

Hinter Bort-les-Orgues, am unteren Ende des Straudamms, gräbt sich die Dordogne tief in den Untergrund ein. Dieser Teil des Flusses ist der eindrucksvollste und wildeste überhaupt. Die “Gorges de la Haute-Dordogne” sind ein Naturschauspiel der Extraklasse: Schwindelerregende Felswände, dichte Wälder und die mächtigen Stauseen der Staudämme wechseln sich ab und schaffen eine beeindruckende Kulisse. Die Straßen durch die Schluchten sind schmal und kurvenreich. Immer wieder eröffnen sich beeindruckende Ausblicke von Aussichtspunkten hoch über dem Flusstal.

Die Dordogne ist nicht ungefährlich

Von den Aussichtspunkten eröffnen sich außergewöhnliche Panoramen auf die Schluchten der Gorges de la Dordogne. Die Felswände bieten Wanderfalken und Kolkraben eine Heimat. Mit etwas Glück kann man die Greifvögel am Himmel kreisen sehen. Wer das wildeste, ursprünglichste Antlitz der Dordogne sucht, der findet es hier oben, im Herzen des Massif Central.

Gorges de la Dordogne
Gorges de la Dordogne

Nach dieser Fahrt auf kleinen Straßen und durch enge Kurven, vorbei an den wildesten Flusslandschaften der Dordogne, empfängt mich Argentat wie eine Belohnung. Argentat ist ein typisches Dorf im oberen Dordogne-Tal. Die sogenannte Hauptstadt der Holzbootführer wusste ihre günstige Lage am Ufer der Dordogne zu nutzen, um den Holzhandel mithilfe der sogenannten Gabarres, Holzfloßen, auszubauen. Das Stadtzentrum ist geprägt von Fachwerkhäusern, Schieferdächern und gepflasterten Gassen. Ebenso wie die Kais der Dordogne waren sie einst die pulsierenden Zentren des Holzhandels auf der Dordogne.

Argentat
Argentat
Argentat – Gabarre

Ich verlasse Argentat und befinde mich in einer der schönsten Landschaften entlang der Dordogne. Grüne Weiden, Kastanienwälder und Walnussplantagen säumen meinen Weg. Das Tal der Dordogne ist hier schon breit und fruchtbar. Die Strecke von Argentat entlang der Dordogne lädt zum Verweilen ein und ist kein Spurt. Ich folge dem Fluss, fahre abseits der Hauptstraße und halte an mittelalterlichen Portalen inne oder tauche einfach die Füße ins kühle Wasser der Dordogne. So erlebe ich ein ursprüngliches, tiefgründiges Frankreich, das sich mir in seiner ganzen Schönheit erschließt. Die Straße schlängelt sich durch dichte Eichenwälder und bietet immer wieder Ausblicke auf den Fluss, der sich glänzend durch das breite Tal zieht. Auf der schmalen Landstraße erreiche ich Brivezac. Ein Dorf, das sich nicht für eilige Besuche eignet. Erst auf den zweiten Blick eröffnet sich mir die Geschichte des Dorfes mit seinen mittelalterlichen Häusern.

Nach weniger als einer Stunde Fahrtzeit erreiche ich Beaulieu-sur-Dordogne. Im 9. Jahrhundert wurde hier ein Kloster gegründet und die Mönche gaben dem Ort den passenden Namen „schöner Ort”. Zu Recht!

Beaulieu-sur-Dordogne – Chapelle des Pénitents

Beaulieu-sur-Dordogne ist ein hübsches Städtchen mit einem mittelalterlichen Zentrum, zahlreichen Restaurants, Bars und bedeutenden Sehenswürdigkeiten. Direkt am Marktplatz steht die Abtei Saint-Pierre mit ihrem herrlichen Eingansportal, eines der bedeutendsten in Frankreich und zeigt eine eindrückliche Darstellung des Jüngsten Gerichts.

Beaulieu-sur-Dordogne – Abtei Saint-Pierre
Beaulieu-sur-Dordogne – Abtei Saint-Pierre
Beaulieu-sur-Dordogne

Weiter flussabwärts erreiche ich Bretenoux. Das Château de Castelnau-Bretenoux ist eine imposante mittelalterliche Burg, die schon von Bretenoux aus von weithin sichtbar und kaum zu übersehen ist. Was von unten wie ein natürlicher Teil des Felsens wirkt, entpuppt sich beim Näherkommen als gewaltige Festungsanlage aus leuchtend rotem Sandstein. Über Jahrhunderte hinweg war die Festung Schauplatz erbitterter Machtkämpfe zwischen Engländern und Franzosen.

Heute ist es angenehm hier oben zu sitzen, die Zeit zu verbummeln, auf die Wiesen und Felder hinunterzuschauen und sich immer wieder zu bestätigen, wie gut man es doch hat!

Bretenoux
Château de Castelnau-Bretenoux

Unweit von hier klafft ein beeindruckendes Loch im Boden, das in eine der faszinierendsten Unterwelten Europas führt. Der auch als Schlund von Padirac bekannte Gouffre de Padirac ist eine lohnende Sehenswürdigkeit.

Ich nähere mich dem Eingang über einen gepflegten Parkbereich, der von Cafés und Souvenirshops umgeben ist. Und plötzlich stehe ich davor: einem kreisrunden Abgrund mit 35 Metern Durchmesser, der senkrecht in die Tiefe stürzt. Auch der Zaun kann das mulmige Gefühl nicht verhindern, das sich bei mir einstellt, wenn ich nach unten blicke.

Gouffre de Padirac

Mit einem Aufzug oder über eine Treppe geht es 75 Meter hinunter in die Tiefe. Der Weg führt vorbei an feuchten Felswänden, bis die Temperaturen spürbar sinken. In der Höhle herrschen ganzjährig konstante Temperaturen von 13 bis 16 °C. Ich bin froh, einen Pullover im Rucksack dabei zu haben.

Was sich hier auftut, ist das Ergebnis von Millionen von Jahren: Regenwasser sickerte langsam durch den Kalkstein, löste das Gestein auf und ließ irgendwann die Decke einer riesigen unterirdischen Höhle einstürzen. Zurück blieb dieser kreisrunde, 75 Meter tiefe Trichter. Die Einheimischen nannten ihn schlicht „Gouffre” – den Abgrund. Am Fuß des Schachts eröffnet sich eine andere Welt. Eine Rampe führt weiter hinunter bis auf eine Tiefe von 103 Metern, wo der Fluss Padirac dahinfließt. Hier beginnt der eigentliche Höhepunkt des Besuchs: eine Fahrt mit einem flachen Kahn auf dem unterirdischen Fluss, gelenkt von einem erfahrenen Bootsführer. Rund 500 Meter gleitet man dabei lautlos dahin. Das Wasser ist dunkel und tief, die Felswände sind eng und majestätisch. Von der Decke hängen Stalaktiten wie gefrorene Wasserfälle und ihre Spiegelbilder tanzen im stillen Wasser. Es ist mucksmäuschenstill und wunderschön.

Gouffre de Padirac

Weiter flussabwärts wartet Carennac auf mich. Das Dorf trägt den Titel „Eines der schönsten Dörfer Frankreichs” und ich verstehe sofort, weshalb. In der mittelalterlichen Altstadt gruppieren sich Häuser aus dem 15. und 16. Jahrhundert um die Abtei und die Kirche. Das Städtchen ist herrlich verschlafen. Katzen dösen auf den Geländern der blumengeschmückten Balkone der alten Häuser. Hier scheint die Zeit ein bisschen langsamer zu vergehen.

Carrenac

Für Eisenbahnfreunde gibt es in Martel ein besonderes Highlight. Hier fährt die Museumseisenbahn „Chemin de Fer Touristique du Haut-Quercy”. Das alte Dampfross wartet bereits schnaubend auf die Reisenden. Die Fahrt führt durch rauchgeschwärzte Tunnel und über imposante Viadukte von Martel nach Saint-Denis-Lès-Martel. Die Strecke verläuft direkt an einer Felswand oberhalb der Dordogne und bietet einen herrlichen Blick auf die grüne Landschaft des Périgord. Angeblich handelt es sich bei dieser Strecke um ein Teilstück der zwischen 1880 und 1884 erbauten Bahnlinie Toulouse–Paris. Es ist kaum vorstellbar, dass diese holprige Bahnstrecke einst die Hauptverbindungsstrecke gewesen sein soll.

Chemin de Fer Touristique du Haut-Quercy
Chemin de Fer Touristique du Haut-Quercy

Auf kurvigen Straßen, die steil bergauf und rasant bergab führen und von schmalen Bächen und saftigen Wiesen begleitet sind, erreiche ich Lacave. Das Schloss von Lacave thront eindrucksvoll über der Dordogne. Der Morgennebel liegt noch über dem Fluss. Die Glocken der Salers-Rinder hallen durch die Morgenkühle.

Lacave

Wer sich für Höhlen interessiert, sollte jetzt einen kleinen Abstecher zu den Höhlen von Lacave machen. Zunächst geht es mit einem kleinen Zug, dann zu Fuß durch die Höhle. Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis! Der Höhepunkt der Höhle ist der Saal der schwarzen Lichter. Im Schein von UV-Licht fluoreszieren die Stalagmiten und Stalaktiten in unwirklichen Farben. Die Franzosen lieben es manchmal schon sehr kitschig.

Grottes de Lacave – © Lisa Dubois

Es gibt Orte, die mich sprachlos machen – nicht aufgrund ihrer Größe, sondern aufgrund ihrer schieren Unwahrscheinlichkeit. So klebt beispielsweise das gesamte mittelalterliche Dorf Rocamadour wie ein Schwalbennest an einer senkrechten Felswand. Rocamadour wächst in drei Ebenen aus dem Fels. Ganz unten schmiegt sich die Unterstadt mit ihren engen Gassen, Souvenirläden und Restaurants an den Fluss. Darüber, über eine steile Treppenanlage erreichbar, erhebt sich das Heiligtum mit seinen sieben Kapellen – das eigentliche Herzstück des Ortes. Und ganz oben thront die Burg, die die Szenerie wie eine Krone abschließt.

Rocamadour
Rocamadour

Der Sage nach lebte in einer Höhle des Felsens ein Eremit namens Amadour. Seinen Leichnam fand man im Jahr 1166 unverwest in einem Grab unter dem Altar der Kirche Notre-Dame. Dieses Wunder und die gleichzeitige Marienverehrung machten Rocamadour alsbald zur Wallfahrtsstätte. Im selben Jahrhundert gehörte der Ort zum festen Bestandteil der Jakobspilgerschaft, obwohl er eigentlich nicht direkt am Jakobsweg liegt. Rocamadour war im Mittelalter einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas und mit Santiago de Compostela oder Rom vergleichbar.

Wer die 216 Stufen der Großen Treppe, der Via Sancta, hinaufsteigt, wandelt auf den Spuren von Millionen Pilgern, die seit dem 12. Jahrhundert denselben Weg gegangen sind. Viele von ihnen legten die Stufen auf Knien zurück, als Zeichen der Buße und Demut.

Auf halber Höhe der „Grand Escalier” befindet sich an der Mauer eine Tafel, die daran erinnert, dass Rocamadour die älteste Pilgerstätte Frankreichs ist. Könige und Herrscher sind hierher gepilgert, gefolgt von unzähligen Menschen, deren Knieabdrücke Spuren auf der Treppe hinterlassen haben. Heute steigen die meisten Besucher aufrecht die steile Treppe hinauf. Mir stockt nicht nur vor Ehrfurcht der Atem, sondern auch wegen der Anstrengung.

Rocamadour – Via Sancta
Rocamadour
Rocamadour
Rocamadour

Im Zentrum des Heiligtums befindet sich die kleine, dunkle Chapelle Notre-Dame, in der eine unscheinbare, schwarz gefärbte Holzmadonna thront – die sogenannte Vierge Noire. Sie ist das eigentliche Ziel aller Pilger. Die kaum 70 Zentimeter große Figur strahlt eine fast greifbare Würde aus. Über Jahrhunderte wurde ihr die Kraft zugeschrieben, Kranke zu heilen.

Rocamadour – Vierge Noire

Von den Kirchen aus führt ein Kreuzweg hinauf zur Burg. Entlang der zwölf Kreuzwegstationen geht es steil bergauf. In dem herrlichen Wald mit altem Baumbestand finde ich die Ruhe und Stille, die in den Kirchen wegen der vielen Touristen meist nicht mehr zu finden ist.

Man kann Rocamadour in zwei Stunden abhaken. Man kann aber auch länger bleiben – und sollte es tun. Denn erst, wenn der Lärm der Reisebusse verklungen ist und man in der stillen Kapelle vor der Schwarzen Madonna steht oder auf der Burg sitzt und auf das endlose Plateau des Quercy blickt, entfaltet dieser Ort seine eigentliche Wirkung. Rocamadour ist kein Ort für schnelle Eindrücke. Er ist ein Ort, der sich festsetzt – im Gedächtnis und vielleicht auch ein wenig in der Seele.

Rocamadour

Nach diesen Abstechern weg von der Dordogne kehre ich auf engen Straßen, die durch Walnussheine führen, zum Fluss zurück. Die Spur wird immer schmaler und windet sich zwischen Eichen- und Walnusswäldern hindurch. Ein warmes, goldenes Licht zieht über die sanften Hügel und lässt die Steinmauern der Bauernhöfe und die honigfarbenen Fassaden der Dörfer aufleuchten. Wiesen mit hübschen Kühen wechseln sich mit dichten Wäldern ab und immer wieder eröffnet sich hinter einer Kuppe der Blick auf das Flusstal, in dem sich die Dordogne silbern durch die Landschaft schlängelt. Ich fahre nicht, um anzukommen, sondern um da zu sein. Jede Kurve verspricht einen neuen Ausblick und jeder Wegweiser zu einem unbekannten Dorf weckt die Lust, einfach abzubiegen und zu schauen, was sich dahinter verbirgt.

Dordogne bei Gluges

Auf Souillac habe ich mich auf dieser Reise besonders gefreut, denn hier gibt es eine der beeindruckendsten Kirchen entlang der Dordogne, wenn nicht sogar in ganz Südfrankreich zu sehen: die romanische Abteikirche Sainte-Marie aus dem 12. Jahrhundert mit ihrer bemerkenswerten Kuppelarchitektur, die an byzantinische Vorbilder erinnert. Im Inneren bewahrt die Kirche eine der bewegendsten romanischen Skulpturen Frankreichs: die Darstellung des Propheten Jesaja.

Als ich bei meinem Bummel durch die mittelalterliche Altstadt die Kirche erreiche, werde ich herb enttäuscht. Leider ist die Kirche größtenteils eingerüstet, da sie renoviert wird und die Gemälde und Skulpturen restauriert werden. Was für eine Enttäuschung. Aber ich kann die herrlichen Figuren durch die Gerüststangen wenigstens erspähen, leider nicht fotografieren.

Souillac- Abbatiale Sainte-Marie
Souillac- Abbatiale Sainte-Marie – © alamy
Souillac- Abbatiale Sainte-Marie – Prophet Jesaja – © alamy

Nach der Zerstörung der Kirche im Jahr 1573 durch die Protestanten war nicht mehr viel übrig geblieben. Die Figur des Jesaja aus dem einstigen Portal wurde jedoch erhalten. Sie ist von so vollendeter Schönheit, dass sie zu den erlesensten Werken der Romanik gehört.

Der „Tanzende Jesaja“, wie er auch genannt wird, symbolisiert mit seinem tänzerisch anmutigen Schreiten die Verkündigung der frohen Botschaft. Die Bewegung seines Körpers, der Faltenwurf seiner Gewänder und die scheinbare Schwerelosigkeit seiner Beine strahlen so viel Zuversicht und Freude aus. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Menschen des Mittelalters Analphabeten waren und nur die Sprache der Bilder zu lesen vermochten, wird deutlich, dass die Darstellungen der Romanik die Menschen erschrecken und zur Besinnung und Besserung bewegen sollten. Wie nahbar und versöhnlich diese Figur des Jesaja doch wirkt!

Souillac – Saint-Martin
Souillac – Saint-Martin
Morgennebel über der Dordogne bai Lacave

In Rouffillac erreiche ich das Tor zum Périgord. Ab hier werde ich den Verlauf der Dordogne gelegentlich verlassen, um die Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung zu besuchen. Die Gegend ist zu schön, um einfach daran vorbeizufahren.

Das Périgord ist eine abwechslungsreiche Region westlich des Tals der Dordogne, die für ihre Küche und ihre zahlreichen Sehenswürdigkeiten bekannt ist. Herrlich grüne Landschaften, mittelalterliche Dörfer, imposante Burgruinen und eine Küche, die unter Feinschmeckern einen ausgezeichneten Ruf genießt – all das bietet das Périgord und steht für die herausragende französische Lebensart.

Obwohl das Périgord jedes Jahr rund 1,5 Millionen Besucher verzeichnet, ist es weit davon entfernt, ein Modeziel zu sein. Die Region ist ein wunderschönes Stück paradiesischer Natur. Mit 200.000 Gänsen und einer Million Enten ist die Region der Hauptlieferant für Foie Gras und Confit de Canard. Es gibt Wälder voller Trüffel, Bäume voller Walnüsse und Hügel voller reifer Trauben.

Gänsefarm bei Rocamadour

Groléjac ist ein kleines, verschlafenes Dorf am Ufer der Dordogne. Der Ort verkörpert jedoch alles, wofür das Périgord steht: ockerfarbene Steinhäuser, einen schönen Dorfplatz mit alten Bäumen und einem kleinen Café, in dem man bei einem Kaffee oder einem Pernod verweilen kann. Groléjac ist kein Touristenmagnet – und genau deshalb finde ich es hier so reizvoll.

Dordogne bei Vitrac

Eine kurvenreiche Landstraße führt in Serpentinen hinauf nach Domme. Vor dem Ort muss ich das Wohnmobil parken und dann geht es zu Fuß weiter durch das alte Stadttor „Porte del Bos”. Und plötzlich stehe ich mitten in der kleinen Bastide. Hier leben heute rund 1.000 Menschen, hoch oben auf einem Felsvorsprung, 150 Meter über der Dordogne.

Domme

Domme wurde im Jahr 1283 an dieser exponierten Stelle errichtet – auf einem Felsen, der schon von Natur aus wie eine Festung wirkt. Diese planmäßig angelegten Wehrstädte entstanden im Mittelalter als Mittel der Siedlungspolitik.

Wer auf dem Marktplatz in Domme steht, ahnt nicht, was sich direkt darunter verbirgt. Unter der alten Markthalle befindet sich die “Grotte de Domme”, die größte erschlossene Tropfsteinhöhle im Périgord Noir. Nach der Führung gelangt man mit einem Aufzug hinauf an den Klippenrand, wo sich ein unbeschreibliches Panorama der Landschaft eröffnet.

Nur einen Katzensprung von Domme entfernt erreiche ich das kleine Dorf La Roque-Gageac. Eingeklemmt zwischen einer über hundert Meter aufragenden Kalksteinklippe und dem ruhig dahinfließenden Fluss Dordogne zählt es offiziell zu den schönsten Dörfern Frankreichs – und dieser Titel ist mehr als verdient.

La Roque-Gageac
La Roque-Gageac – Höhlenwohnungen

Wie gemalt klebt ein ganzes Dorf an einem Fels. Die ockerfarbenen Fassaden der Steinhäuser leuchten warm in der Sonne, die Schieferdächer schimmern grau-silbern und dahinter glitzert die Dordogne. Viele kleine Gassen schlängeln sich vom Fluss hinauf zur Klippe, von der aus man einen herrlichen Blick auf die Dordogne genießt.

Dordogne bei La Roque-Gageac
Dordogne bei La Roque-Gageac
La Roque-Gageac – Château de la Malartrie

Wer zum ersten Mal um diese Flussbiegung der Dordogne fährt und plötzlich den mächtigen Burgfelsen von Beynac-et-Cazenac vor sich aufragen sieht, versteht sofort, warum dieses kleine Dorf zu den schönsten Frankreichs zählt. Mit knapp 550 Einwohnern ist Beynac-et-Cazenac winzig. Doch was ihm an Größe fehlt, macht es mit Geschichte, Atmosphäre und Charme mehr als wett.

Beynac

Das Panorama vom Wasser aus ist schlicht atemberaubend. Enge, kopfsteingepflasterte Gässchen, ockerfarbene Steinhäuser und blumengeschmückte Fensterbänke prägen das Bild. Immer wieder schweift der Blick nach oben zur Burg, die wie festgewachsen auf ihrem Kalksteinfelsen thront.

Das Château de Beynac, das bereits im 12. Jahrhundert erbaut wurde, ist das eigentliche Herzstück des Ortes und thront rund 150 Meter über dem Flusstal. Es zählt zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Burganlagen der gesamten Dordogne-Region.

Beynac

Die Geschichte der Burg ist bewegt: Richard Löwenherz hielt sie einst besetzt und Simon de Montfort ließ sie im frühen 13. Jahrhundert schleifen. Dennoch steht sie heute noch, da sie von der Familie Beynac wieder aufgebaut wurde. Während des Hundertjährigen Kriegs zwischen Frankreich und England bildete die Dordogne die Grenze zwischen den verfeindeten Mächten. Auf der anderen Flussseite lag das Château de Castelnaud, das sich damals in englischer Hand befand. Von der Burg Beynac aus sieht man es bis heute klar am Horizont.

Château de Castelnaud

Was Sarlat-la-Canéda so besonders macht, ist nicht ein einzelnes Gebäude, sondern das Ensemble als Ganzes. Die Stadt beherbergt auf engstem Raum mehr als 65 denkmalgeschützte Bauwerke. Beim Schlendern durch die Altstadt begegne ich Geschichte aus Jahrhunderten auf einmal: Romanische Portale, gotische Kirchen, elegante Renaissancefassaden und barocke Herrenhäuser folgen einander wie die Kapitel eines Geschichtsbuchs.

Der Place de la Liberté ist der Mittelpunkt der Altstadt und der pulsierende Herzschlag der Stadt. Hier trifft sich das Leben: An Markttagen – der große Bauernmarkt findet immer samstags statt – reihen sich die Stände aneinander. An lauen Sommerabenden füllen sich die Terrassen der Cafés und abends verwandelt sich der Platz in eine Bühne aus Licht und Schatten.

Der Samstagsmarkt ist ein großes Spektakel. Er erstreckt sich über weite Teile der Altstadt und bietet neben kulinarischen Köstlichkeiten auch Kunsthandwerk, Keramik, Stoffe und allerlei Krimskrams. Wer früh kommt, kann die Händler beim Aufbau erleben und den ersten Stammkunden bei einem Fachgespräch mit den Standbetreibern zuhören. Ich liebe diesen Moment. Hier zeigt sich das authentische Sarlat, noch bevor der touristische Betrieb einsetzt.

Sarlat-la-Canéda – Das älteste Haus von Sarlat
Sarlat-la-Canéda
Sarlat-la-Canéda
Sarlat-la-Canéda
Sarlat-la-Canéda
Sarlat-la-Canéda

Voller Eindrücke verlasse ich Sarlat und fahre in das Tal der Vézère. Das Vézère-Tal ist ein bedeutendes Zeugnis der Vorgeschichte. Es ist berühmt für seine über einhundert Fundstätten, darunter 25 Höhlen mit kunstvollen Darstellungen, von denen 14 zum UNESCO-Welterbe zählen. Bedeutende Orte wie Lascaux, Les Eyzies-de-Tayac oder Roque Saint-Christophe liegen direkt am Weg. Wer sich für die Geschichte der Menschheit in Europa interessiert, muss hierherkommen.

Betritt man das kleine Dorf Les Eyzies-de-Tayac im Tal der Vézère zum ersten Mal, blickt man unwillkürlich nach oben: Mächtige Kalksteinklippen erheben sich über den Dächern. Durchlöchert von Höhlen und Felsnischen bieten sie seit Hunderttausenden von Jahren Schutz. Das Dorf nennt sich selbst „Welthauptstadt der Vorgeschichte” – und dieser Titel ist keine touristische Übertreibung. Die Hauptstraße führt direkt unter der Steilwand entlang. An ihrem Fuß reihen sich Cafés, Restaurants und kleine Läden, während die Felsmasse darüber wie ein versteinerter Zeuge der Jahrtausende thront. Bereits dieser erste Blick macht deutlich: Les Eyzies ist kein gewöhnliches Reiseziel.

Les-Eyzies-de-Tayac

Im Jahr 1868 machte der Geologe Louis Lartet am Ortsrand von Les Eyzies einen Fund, der die Wissenschaft erschüttern sollte. In einem Felsüberhang stieß er auf die Überreste von fünf Menschen aus der Jungsteinzeit. Die Schädel waren auffallend modern geformt und deutlich runder als die der zuvor bekannten Neandertaler. Es handelte sich um die ältesten je in Europa entdeckten anatomisch modernen Menschen: den Homo sapiens sapiens, der seither als „Cro-Magnon-Mensch” bekannt ist.

Ich beginne meinen Besuch in Les Eyzies-de-Tayac mit dem Nationalmuseum für Vorgeschichte. Es ist imposant in die Kalksteinklippe im Herzen des Dorfes eingebettet. Seit 1918 werden dort rund 18.000 Objekte ausgestellt, die 400.000 Jahre Menschheitsgeschichte dokumentieren. Die Sammlungen stammen größtenteils aus den Stätten des Vézère-Tals selbst. Es handelt sich also nicht um ein abstraktes Archiv ferner Kulturen, sondern um ein Zeugnis der unmittelbaren Umgebung. Sehr sehenswert, sehr beeindruckend, sehr empfehlenswert.

Zwischen Les Eyzies und Montignac ragt sie plötzlich aus dem Wald heraus: eine fast einen Kilometer lange und achtzig Meter hohe Kalksteinwand. La Roque Saint-Christophe ist kein gewöhnliches Ausflugsziel, sondern ein Stück Menschheitsgeschichte.

Der Fels verdankt seine einzigartige Form den Naturgewalten. Der Fluss Vézère hat über Jahrmillionen den weicheren Kalkstein ausgespült und dabei fünf übereinanderliegende Terrassen hinterlassen: natürliche Gänge, die halb offen und halb vom Felsvorsprung geschützt sind. Es sind weder Höhlen im klassischen Sinn noch bloße Felsvorsprünge, sondern geräumige Unterstände, die trocken und windgeschützt sind und einen Blick auf das Tal und den Fluss bieten. Schon vor 55.000 Jahren erkannten die ersten Menschen den Wert dieses Ortes und machten ihn zu ihrem Zuhause.

Roque-Staint-Christophe

Ich nehme mir Zeit, um langsam durch die Terrassen zu schlendern, die Spuren der Vergangenheit zu betrachten und den Blick über das Vézère-Tal schweifen zu lassen. Der Weg entlang der Terrassen führt an Kanälen, Wasserbecken und Feuerstellen vorbei – stumme Zeugen eines Alltags vor Tausenden von Jahren.

Roque-Staint-Christophe

Tief im Périgord Noir, im Tal der Vézère, befindet sich ein weiterer bedeutender Ort der Menschheitsgeschichte. Die Höhle von Lascaux ist keine gewöhnliche Sehenswürdigkeit, sondern ein Fenster in eine Zeit, die rund 17.000 Jahre zurückliegt.

Vier Jugendliche aus Montignac folgten ihrem entlaufenen Hund und stießen dabei auf ein Loch im Felsen. Was sie dahinter entdeckten, sollte die Archäologie für immer verändern. Sie fanden Hunderte von Tierdarstellungen in den Farben Rot, Gelb und Braun, die über die Höhlenwände zu tanzen schienen, als hätten die Menschen der Altsteinzeit gerade erst ihre Pinsel aus der Hand gelegt. Heute weiß es die ganze Welt: Lascaux beherbergt eine der reichsten und am besten erhaltenen Sammlungen prähistorischer Wandmalereien überhaupt.

Lascaux

Wer nach Lascaux reist, um die Originalmalereien zu sehen, muss eine Enttäuschung verkraften. Die echte Höhle ist für Besucher geschlossen. Der Massenandrang hatte verheerende Folgen – es entstanden Schimmel und Algen auf den empfindlichen Malereien. Und so wurde die Höhle kurzerhand von Archäologen und Künstlern naturgetreu nachgebaut. Im Inneren erwartet die Besucher eine nahezu vollständige Reproduktion der Höhle.

Eingang Lascaux IV

Die Buchung der Eintrittskarten und die Auswahl dessen, was angeschaut werden soll, ist etwas verwirrend. Hinzu kommt die Frage: Lascaux II oder Lascaux IV – welche Nachbildung lohnt sich mehr?

Lascaux II, das bereits 1983 eröffnet wurde, liegt nur wenige Schritte oberhalb der Originalhöhle und ist in den stillen Wald des Hügels eingebettet. Hier wurden die beiden eindrucksvollsten Bereiche, der Saal der Stiere und das Axiale Diverticulum, von Hand und mit steinzeitlichen Techniken nachgemalt. Der Rundgang ist kürzer und findet ausschließlich in kleinen Gruppen mit Führung statt. Ein besonderer Moment ist, wenn die Höhle streckenweise nur vom Schein einer Fettlampe erhellt wird, so wie es die Entdecker im Jahr 1940 erlebten. Im flackernden Licht scheinen die Tiere an den Wänden geradezu lebendig zu werden.

Lascaux IV, das seit Ende 2016 am Fuß des Hügels liegt, geht einen anderen Weg. In einem modernen Besucherzentrum wurde die gesamte Höhle nachgebildet und durch ein großes Museum mit interaktiven Stationen zu den Themen Entdeckung, Maltechnik und Erhaltung ergänzt. Der Besuch dauert mit Museumsteil zwei bis drei Stunden, setzt stärker auf moderne Technik und ist beeindruckend.

Wer einmal in Montignac-Lascaux gestanden und die Wände betrachtet hat, auf denen unsere Vorfahren ihre Welt festgehalten haben, versteht: Die Kunst hat einen Anfang – und wahrscheinlich ist es dieser hier.

Périgueux liegt an der historischen Pilgerroute nach Santiago de Compostela. Wer durch die schmale Hauptader der mittelalterlichen Stadt, die Rue Limogeanne, schlendert, entdeckt im Pflaster eingelassene Jakobsmuscheln, die bis heute den Weg weisen. Als ich die mittelalterliche Altstadt betrete, wechsle ich die Zeitebene. Enge Gassen aus dem Mittelalter, Renaissancehäuser mit Türmen, die einst den Reichtum der Kaufleute symbolisierten, und Plätze, auf denen heute Cafés ihre Stühle auf das Kopfsteinpflaster stellen: Périgueux hat seinen historischen Kern bemerkenswert gut bewahrt.

Perigueux – Atlstadt

Périgueux wäre nicht die Hauptstadt des Périgord, wenn sie nicht auch kulinarisch überzeugen würde. Die Märkte der Altstadt sind authentisch und bieten eine große Auswahl an regionalen Produkten. Eine lokale Spezialität, die man unbedingt probieren sollte, sind die herzhaften Coucounettes: kleine Kugeln aus Foie gras, überzogen mit Früchten, Gewürzen oder Pilzen. Diese Köstlichkeiten kann man jeden Mittwoch auf dem Markt vor der Kathedrale probieren. Unbeschreiblich lecker!

Perigueux

Das Herzstück von Périgueux ist die Kathedrale Saint-Front. Mit ihren markanten Kuppeln, die eher an Byzanz oder Venedig als an das Périgord erinnern, ragt sie über die Dächer der Altstadt. Die Kathedrale wurde nach 1120 erbaut und im 19. Jahrhundert vom Architekten Paul Abadie restauriert, der später auch das Sacré-Cœur in Paris entwarf. Seit 1998 zählt Saint-Front als Station des Jakobswegs zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Perigueux

Dass ich Perigueux ausgerechnet an einem Mittwoch besuche, ist kein Zufall. Denn heute findet der Bauernmarkt an der Kathedrale statt. Ein Bauernmarkt im Périgord ist mehr als nur ein gewöhnlicher Wochenmarkt, er ist ein Schaufenster der regionalen und saisonalen Lebensmittel sowie der lokalen Esskultur. Die Produkte sind meist direkt vom Erzeuger und von hervorragender Qualität.

Perigueux
Perigueux

Ich fahre weiter durch das sanfte Hügelland des Périgord Vert und erreiche schließlich einen Ort, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Brantôme liegt rund 25 Kilometer nördlich von Périgueux. Das Dorf schmiegt sich wie kaum ein anderes in Frankreich als kleine Halbinsel an den Fluss Dronne. Kein Wunder, dass Raymond Poincaré, damals Staatspräsident der Republik, den Ort als „Venedig des Périgord” bezeichnete – ein Beiname, der bis heute erhalten geblieben ist.

Die von mehreren Armen der Dronne umschlossene und durch fünf Brücken mit dem Ufer verbundene Altstadtinsel ist der Kern dieses charmanten Ortes. Schmale Gässchen, Häuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert, ein paar Galerien und kleine Läden: Hier schlendere ich wie durch eine lebendige Kulisse aus einer anderen Epoche. Brantôme ist seit vielen Jahren einer meiner Lieblingsorte im Périgord, den ich immer wieder gerne besuche. Jedes Mal, wenn ich hier bin, habe ich das Gefühl, „nach Hause zu kommen”.

Brantôme
Brantôme
Brantôme

Das Herzstück von Brantôme ist die Abtei Saint-Pierre. Sie soll im Jahr 769 von Karl dem Großen persönlich gegründet worden sein. Später wurde sie von Pierre de Bourdeille, einem sinnesfreudigen Abt, erweitert. Ob diese Überlieferung stimmt oder nicht, das Bauwerk selbst ist beeindruckend genug. Besonders auffällig ist der Glockenturm, der nicht neben, sondern auf einem zwölf Meter hohen Felsvorsprung steht. Er gilt als einer der ältesten Glockentürme Frankreichs.

Die gesamte Anlage – die stattliche Abtei vor dem dunkelgrauen Hintergrund des Berghangs, die sich im klaren Wasser der Dronne mit den Uferbäumen spiegelt, die alte Bogenbrücke, die über eine Wehranlage und an einer Mühle vorbei zu einer symmetrisch angelegten Parkterrasse führt, vermittelt den Eindruck einer fürstbischöflichen Residenz.

Brantôme
Brantôme

Hinter der Kirche verbergen sich in den weichen Kalkfelsen ausgehauene Höhlen, die als sogenannte Höhlenabtei bekannt sind. Dort lebten die ersten Benediktinermönche und noch heute können die in den Stein gemeißelten Räume erkundet werden. Besonders mysteriös ist die „Höhle des Jüngsten Gerichts” mit zwei Reliefs, deren genaue Bedeutung bis heute nicht vollständig entschlüsselt wurde.

Brantôme – „Höhle des Jüngsten Gerichts”

Bei schönem Wetter sind rund um Brantôme und entlang der Dronne immer viele Kanufahrer zu beobachten. Die Boote können entlang der Dronne und auch in Brantôme gemietet werden. Das Besondere ist, dass die Kanuten ein Wehr durchfahren müssen. Und das gelingt dem einen oder anderen nur mäßig gut. Auf der Brücke über dem Wehr bilden sich deshalb immer wieder Schaulustige, die sich über die Missgeschicke beim Überfahren der Wehrkante amüsieren. Wie Walther Rathenau schon sagte: „Die reinste Freude ist die Schadenfreude.” Aber die Kanufahrer werden auch mit großem Hallo und Applaus bedacht, wenn sie die Barriere überwunden haben.

Brantôme

Brantôme ist kein überwältigender Schauplatz mit Warteschlangen und Eintrittskassen an jeder Ecke. Es ist ein Dorf, in dem man sich Zeit nimmt. Man kommt an, schlendert durch die Gassen und über die Brücken, setzt sich ans Wasser – und plötzlich ist der Nachmittag vorbei. Vielleicht sollte ich heute Abend wieder einmal die Fliegenrute auspacken und mich zum Fischen in die Dronne stellen. Welch ein meditativer Moment!

Dronne bei Brantôme

Jeden Freitagmorgen verwandelt sich Brantôme in ein buntes Markttreiben. Im Sommer kommt dienstags ein Bauernmarkt hinzu und im Winter findet ein zertifizierter Trüffelmarkt statt, denn die Gegend liegt im Zentrum des französischen Trüffelanbaus. Unter anderem gibt es Foie gras, Ente in allen Variationen, kräftige Rotweine, knusprigen Walnusskuchen, Wachteleier und Weinbergschnecken in einem Sud mit Knoblauch. Und natürlich eine unglaubliche Vielfalt an Obst und Gemüse.

Bauernmarkt in Brantôme
Bauernmarkt in Brantôme

Wer die Romane von Martin Walker kennt, trägt ein Bild von Saint-Denis im Herzen: ein kleines Städtchen an einem Fluss, umgeben von Wäldern, Weinbergen und uralten Höhlen, wo ein gemütlicher Dorfpolizist namens Bruno Courrèges zwischen Entenleberpastete und Mordermittlungen durch das Leben schlendert. Saint-Denis ist Fiktion – aber Le Bugue im Département Dordogne ist real. Und wer hier ankommt, versteht sofort, warum Walker kaum ein besseres Vorbild hätte wählen können. Wer die Bücher kennt, erkennt beim Flanieren durch die Gassen manche Szene wieder: das Café, in dem Bruno morgens seinen Kaffee trinkt, den Marktplatz, den Fluss.

Le Bugue

Martin Walker ließ sich von dem örtlichen Gemeindebeamten Pierrot Simonnet inspirieren, der in Le Bugue ein stadtbekanntes Gesicht war. Simonnet ist inzwischen verstorben, doch seine Lebhaftigkeit und Verwurzelung in der Region leben in der Romanfigur des Kommissar Bruno fort.

Le Bugue
Le Bugue

Nach dem Abstecher zu Kommissar Bruno fahre ich zurück an die Dordogne. Wer hier entlangfährt, entdeckt hinter jeder Kurve ein neues Bild: ein mittelalterliches Dorf, das sich an einen Felsen schmiegt, ein Schloss, das majestätisch über den Baumwipfeln thront, oder ein Feld voller Sonnenblumen, das in der Mittagssonne leuchtet. Das Périgord ist keine laute, sondern eine flüsternde Region. Wer genau hinhört, dem erzählt sie ihre eigene Geschichte. Die Luft riecht nach Eichenwald und frischem Heu. Auf den Märkten der kleinen Städtchen reihen sich Foie gras, Walnüsse und Entenspezialitäten aneinander – ein Fest für alle Sinne und ein Sinnbild für die französische Lebensart.

Irgendwo auf halbem Weg zwischen Sarlat und Bergerac stoße ich auf Wegweiser, die in den Wald hinein und nach Cadouin zeigen. Es lockt weder ein Fluss noch eine Klippe oder eine Burg, sondern ein stilles Tal und die Steine einer tausend Jahre alten Zisterzienserabtei. Das Dorf selbst ist überschaubar: ein Platz mit einer mittelalterlichen Markthalle sowie ein paar Cafés und Restaurants im Schatten alter Steinhäuser.

Cadouin

Das romanische Kirchenschiff der im 12. Jahrhundert errichteten Abtei zeichnet sich durch zisterziensische Schlichtheit und Spiritualität aus. Der Ende des 15. Jahrhunderts neu errichtete Kreuzgang hingegen entfaltet eine atemberaubende gotische Pracht. Er gilt als Meisterwerk: fein gemeißelte Türen, reich verzierte Pfeiler, elegante Schlusssteine und Galerien, die sich um einen lichtdurchfluteten Innenhof öffnen.

Cadouin ist kein Ort für großen Trubel – und genau das macht seinen Reiz aus. Ich bin am frühen Morgern hier, die Morgenlichtstimmung im Kreuzgang ist außergewöhnlich schön.

Cadouin
Cadouin
Cadouin
Cadouin

Nach dem beeindruckenden Besuch in Cadouin erreiche ich das auf einem Kalksteinfelsen gelegene Dorf Limeuil, das am Zusammenfluss von Dordogne und Vézère liegt. Um durch die mittelalterlichen Gassen zu schlendern, muss ich aber zuerst den sehr steilen Berg hinaufsteigen, denn das Dörfchen liegt hoch über der Dordogne. Aber die Anstrengung hat sich wirklich gelohnt!

Limeuil
Limeuil
Limeuil – Mündung der Vézère in die Dordogne
Übernachtungsplatz in Limeuil
Dordogne bei Limeuil

Wenn man sich Trémolat vom Fluss her nähert, überquert man eine alte Steinbrücke, die in den Ort führt. Die aus dem für die Region typischen gelblichen Kalkstein gebauten Häuser schimmern warm in der Sonne. Die Gassen sind eng und still. Ein kleines Bächlein schlängelt sich durch den Ortskern und ist von kleinen Steinbrücken überspannt. Alte Häuser stehen malerisch am Wasser.

Was mich nach Trémolat zieht, liegt jedoch nicht im Städtchen selbst, sondern wenige Kilometer außerhalb: der Cingle de Trémolat. Dabei handelt es sich um eine gewaltige Flussschleife, in der sich die Dordogne in einem riesigen Mäander windet, sodass die beiden Seiten der Schleife fast aufeinandertreffen. Die beste Sicht hat man vom Aussichtspunkt „Belvédère de Trémolat”.

Cingle de Trémolat
Dordogne bei Lalinde

Hinter Limeuil verändert sich die Landschaft der Dordogne nahezu abrupt. Das Tal mit den steilen Kalksteinfelsen weicht einem breiten Tal, in dem die ersten Weinfelder, Walnussbaumplantagen und Tabakfelder zu sehen sind. Es gibt Platz für Industrieansiedlungen. Leider ist die Lieblichkeit des Dordognetals damit verschwunden. Und ich bin traurig darüber. Mir scheint, etwas so Schönes verschwindet für immer.

Wer Bergerac zum ersten Mal besucht, dem begegnet sofort ein Name: Cyrano. Die Statue mit der großen Nase reckt sich selbstbewusst auf dem Place Pélissière in den Himmel und begrüßt jeden Besucher mit theatralischer Geste. Obwohl der echte Cyrano de Bergerac nie wirklich hier gelebt hat, ehrt die Stadt den Helden aus Edmond Rostands Theaterstück mit einer Statue, einem Rundweg mit erklärenden Schildern sowie einem jährlichen Kulturfestival. Eine schöne Ironie: Die berühmteste Figur der Stadt ist eine Fiktion – und trotzdem fühlt sich alles hier sehr echt an.

Bergerac – Cyrano

Bergerac war im Mittelalter der einzige Ort im gesamten Tal der Dordogne, an dem Reisende eine Brücke vorfanden, um den großen Fluss zu überqueren. Diese strategische Bedeutung hat die Stadt geprägt. Die charmante Altstadt klettert nördlich vom alten Hafen das Ufer der Dordogne hinauf und erstreckt sich bis zur Rue de la Résistance. Ich spaziere durch die verwinkelten Kopfsteinpflastergassen der Altstadt und tauche ein in Jahrhunderte aus Stein und Fachwerk.

Vor der Markthalle und in der mittelalterlichen Altstadt gibt es schöne Bistros und Restaurants. Ich liebe es, hier zu verweilen, zu beobachten und das Stadtleben an mir vorbeiziehen zu lassen. Ich beobachte Paare mit schweren Einkaufstaschen, Handwerker in Latzhosen und schicke Frauen mit großen Sonnenbrillen. Und ich genieße dabei ein Glas Pastis oder einen Espresso.

Bergerac
Bergerac

Kein Bergerac-Besuch ist vollständig ohne einen Abstecher zum alten Hafen. Von hier aus kann man an Bord einer traditionellen Gabarre, einem flachen Holzboot, den Fluss und die Stadt aus einer völlig neuen Perspektive erleben. Die Boote schaukeln sanft auf der Dordogne, während die Altstadt im Licht des Nachmittags goldfarben leuchtet.

Auf einem sanften Felsvorsprung über den Niederungen der Dordogne taucht Saint-Émilion, ein mittelalterliches Kleinod, am Horizont auf. Das Dorf ist zwar klein, zählt aber zu den beeindruckendsten und meistbesuchten Reisezielen Frankreichs. Seit 1999 trägt die gesamte Weinbaulandschaft rund um den Ort den Titel UNESCO-Weltkulturerbe – als erstes Weinbaugebiet der Welt überhaupt.

Ein bescheidener bretonischer Mönch namens Aemilianus zog im 8. Jahrhundert auf der Suche nach Stille und Einsamkeit durch die Region und schlug hier schließlich sein Quartier unter einem Felsüberhang auf. Er lebte in einer kleinen Grotte, erlangte Berühmtheit durch seine Wunder und zog Pilger, Gläubige und schließlich ganze Ordensgemeinschaften an.

Saint-Émilion

Enge Gassen aus gelbem Kalkstein, romanische Kirchen und bis an die Hauswände rankende Weinreben. Die Weinberge beginnen buchstäblich am Ortsrand. Während ich durch die engen Gassen des Dorfes schlendere, spüre ich bei jedem Schritt die Vergangenheit. Die Häuser aus warmem Kalkstein, die verwitterten Fassaden und die schmalen Treppen – alles atmet mittelalterliche Geschichte.

Saint-Émilion
Saint-Émilion
Saint-Émilion
Saint-Émilion

Unter dem Dorf verbirgt sich ein faszinierendes Labyrinth aus Tunneln, Katakomben und Gewölben. Der Kalkstein, auf dem Saint-Émilion errichtet wurde, diente über Jahrhunderte hinweg nicht nur als Fundament der Häuser, sondern wurde auch abgebaut und floss in Bauprojekte bis nach Libourne und Bordeaux ein. Das eindrucksvollste Zeugnis dieser unterirdischen Welt ist die monolithische Kirche, die vollständig aus dem Felsen herausgehauen wurde. Sie gilt als eine der größten Felsenkirchen Europas und ist leider nur im Rahmen einer geführten Tour zugänglich.

Bei einem Spaziergang durch Saint-Émilion wird schnell klar, dass sich hier alles um den Wein dreht. Der Ort liegt inmitten einer der berühmtesten Weinlandschaften der Welt. Rund um die historischen Gassen erstrecken sich sanfte Hügel, die von endlosen Weinbergen bedeckt sind. Die Gegend um Saint-Émilion ist ein faszinierendes Reiseziel für Weinliebhaber und Genießer aus aller Welt.

Saint-Émilion
bei Saint-Émilion

Entlang der Dordogne und auf kleinen Nebenstraßen erreiche ich Libourne. Die Stadt wirkt auf mich lebendig, unaufgeregt und authentisch. Sie birgt mehr Geschichte, als man auf den ersten Blick ahnt. Sie liegt dort, wo sich die Flüsse Isle und Dordogne vereinen. Dieses Zusammentreffen hat die Geschichte Libournes von Anfang an geprägt. Im Mittelalter war die Stadt der erste Hafen an der Dordogne, der von Seeschiffen angelaufen werden konnte – und das fast hundert Kilometer im Landesinneren. Von hier aus verließen Wein, Holz, Salz und Wolle die Region, um über die Mündung der Gironde die weite Welt zu erreichen. So wurde Libourne zu einem der wohlhabendsten Handelsorte entlang der Dordogne.

Ich schlendere durch Libourne und gelange unweigerlich auf den zentralen Platz der Altstadt. Ein großer Platz, gesäumt von alten Fassaden und auf allen vier Seiten von Arkaden umgeben – typisch für eine mittelalterliche Bastide, die nach dem Schachbrettmuster geplant wurde. Unter den Bögen reihen sich Cafés und Restaurants aneinander, deren Tische bei Sonnenschein nach draußen gerückt werden. Hier treffen sich die Einheimischen zum Plaudern, zum Kaffeetrinken oder für ein Glas Wein.

Dreimal pro Woche – dienstags, freitags und sonntags – verwandelt sich der Platz in einen der größten Märkte der gesamten Gironde. Es werden Käse, Wurstwaren, Wildpilze und Trüffel aus den umliegenden Wäldern angeboten. Angeblich kommen sogar die Sterneköche aus Saint-Émilion hierher, um einzukaufen.

Libourne
Libourne

Bordeaux ist einer der Höhepunkte dieser Reise. Die Stadt ist bemerkenswert schön. Sie hat elegante Straßen, kleine Gassen und wunderschöne Innenhöfe. Es gibt viele Cafés, Restaurants und hübsche Geschäfte. Und es herrscht viel Trubel! Die Stadt hat weit mehr zu bieten als den berühmten Wein. Ich tauche ein in eine lebendige Metropole mit fast 2.000 Jahren Geschichte, prächtiger Architektur und wunderbar französischer Lebensart. Die hellen Kalksteinfassaden leuchten golden in der Abendsonne. Kein Wunder, dass die UNESCO die gesamte Innenstadt im Jahr 2007 zum Weltkulturerbe erklärte.

Bordeaux – Place de la Bource
Bordeaux – Grosse Cloche

Wie bei jedem Besuch in Bordeaux schlendere ich zuerst zum Place de la Bourse. Der halbmondförmige Platz aus dem 18. Jahrhundert zählt zu den beeindruckendsten Barockensembles Frankreichs. Direkt davor liegt das Miroir d’Eau. Die mit wenigen Zentimetern Wasser bedeckte, flache Steinfläche gilt als größter Wasserspiegel der Welt und spiegelt die Fassade des Börsenpalastes auf atemberaubende Weise wider. Besonders in der Dämmerung, wenn sich das Licht der Straßenlaternen im Wasser bricht, entfaltet dieser Ort eine magische Atmosphäre.

Bordeaux – Miroir d’Eau
Bordeaux – Pont de Pierre

Ein Besuch in Bordeaux ohne sich dem Thema Wein zu widmen, ist undenkbar – selbst für Nicht-Weintrinker wie mich. Die Region produziert einige der weltweit gefragtesten Weine – von den berühmten Châteaux des Médoc bis hin zu den fruchtigen Weinen aus Saint-Émilion.

Wer tiefer in die Welt des Weins eintauchen möchte, besucht die Cité du Vin. Das spektakuläre Museum wurde 2016 am Ufer der Garonne eröffnet. Das geschwungene Gebäude, das an einen sich drehenden Weinkelch erinnert, bietet eine interaktive Reise durch die Geschichte des Weins. Ein Besuch lohnt sich nicht nur für Weinkenner, sondern auch für Einsteiger, die hier einen spielerischen Zugang zur Welt der Reben finden. Zudem erhalten Besucher Zugang zur Panoramaterrasse im obersten Stockwerk, die einen grandiosen Blick über die Stadt bietet.

Bordeaux – La Cité du Vin

Etwas weiter nördlich der La Cité du Vin treffe ich auf ein Bauwerk ganz anderer Art: die Pont Jacques Chaban-Delmas, eine der beeindruckendsten Hubbrücken der Welt.

Die hebbare Mittelfahrbahn wiegt mehr als 2.400 Tonnen und kann mithilfe eines Gegengewichtssystems innerhalb von rund zehn Minuten angehoben werden. Dadurch wird der Weg flussaufwärts in Richtung Altstadt für Kreuzfahrtschiffe und große Segelboote frei. Das Hochfahren der Brücke ist kein alltäglicher Anblick – und genau das macht es so besonders. Ich habe Glück und erlebe, wie die gewaltige Fahrbahn langsam in den Himmel steigt und ein Kreuzfahrtschiff majestätisch darunter hindurchgleitet.

Bordeaux – Pont Jacques Chaban-Delmas

Eigentlich endet die Reise entlang der Dordogne hier schon fast. Bei Bec d’Ambès, einer Landzunge nördlich von Bordeaux, vereinigen sich die Dordogne und die Garonne. Die Dordogne kommt aus östlicher Richtung aus dem Zentralmassiv, die Garonne aus südlicher Richtung aus den Pyrenäen. An dieser Stelle hören beide Flüsse auf zu existieren und bilden gemeinsam die rund 75 Kilometer lange Gironde, eine Flussmündung, die sich bis zum Atlantik erstreckt.

Ich möchte dem Wasser der Dordogne aber weiter folgen. Und zwar bis zur Mündung ins Meer. Auch wenn sie jetzt Gironde heißt.

Bourg ist der letzte Ort, der noch an der Dordogne und nicht schon an der Garonne liegt. Ein verschlafenes Städtchen. Das Ortsbild ist bescheiden und authentisch: ein paar Gassen, alte Steinhäuser, ein Brunnen und ein Kirchvorplatz. Und es gibt ein hübsches Café mit frischen Croissants und einem feinen Café au Lait. Wunderbar.

Bourg
Bourg – ein letzter Blick auf die Dordogne

Ich biege von der Hauptstraße ab und werde mit einem der schönsten Panoramen der Gironde belohnt. Vor mir liegt die markante Landspitze, an der sich zwei mächtige Flüsse treffen. Am sogenannten Bec d’Ambès treffen die Dordogne und die Garonne aufeinander. An der Stelle, an der sie sich berühren, entsteht ein neues Gewässer: die Gironde, der größte Mündungstrichter Europas.

Bec d’Ambès

Jetzt hat die Dordogne aufgehört zu existieren. Aber es zieht mich weiter, bis ans Meer. Bis zur Mündung der Gironde in den Golf von Biskaya im Atlantik.

Als ich mich Blaye nähere, ist die Zitadelle das Erste, was ich sehe. Die imposante Anlage wurde im 17. Jahrhundert vom berühmten Militärarchitekten Vauban als geschlossene Festungsstadt errichtet. Sie sollte Bordeaux vor Angriffen von der Seeseite schützen. Noch heute zeugen die Mauern, Gräben, Kasernen und das alte Pulvermagazin von dieser militärischen Vergangenheit.

Ich schlendere durch die mächtigen Tore, laufe die Stadtmauern entlang und genieße den Blick auf die Gironde, die sich bis zum Horizont erstreckt. Das klare Wasser der Dordogne hat sich in ein helles Sandbraun verwandelt. Der Einfluss der Gezeiten reicht weit über die Mündung hinaus. Auf der Garonne ist er bis in die Umgebung von Bordeaux deutlich wahrnehmbar und auf der Dordogne sogar noch weiter flussaufwärts.

Blaye – Zitadelle

Bei einem Besuch der Gironde darf Talmont-sur-Gironde nicht ausgelassen werden. Das denkmalgeschützte Dorf thront auf einem Felsvorsprung über dem Fluss und gilt als eines der schönsten Dörfer Frankreichs. Hier leben nur etwa hundert Einwohner. Die Aussicht auf die Gironde ist atemberaubend.

Talmont-sur-Gironde

Das Wahrzeichen des Ortes ist die romanische Kirche Sainte-Radegonde aus dem 12. Jahrhundert, die der Schutzpatronin der Seefahrer gewidmet ist. Daneben liegt ein Meeresfriedhof mit einzigartigen Grabsteinen an der Atlantikküste. Im Sommer blühen Stockrosen zwischen den alten Steinen – ein Bild, das man so schnell nicht vergisst.

Talmont-sur-Gironde
Talmont-sur-Gironde
Talmont-sur-Gironde
Talmont-sur-Gironde

Weiter flussabwärts, wo sich der mächtige Fluss schon fast in den Atlantik ergießt, liegt das kleine Dorf Meschers-sur-Gironde. Die weißen Kalkfelsen fallen steil ins Wasser, dahinter breitet sich ein Pinienwald aus und irgendwo dazwischen liegt der kleine, verschlafene Ort. Was Meschers wirklich einzigartig macht, sind seine Höhlen. Seit Jahrhunderten graben und bewohnen Menschen die weichen Kalksteinfelsen über dem Wasser. Ursprünglich handelte es sich dabei um natürliche Hohlräume, die im Laufe der Zeit erweitert und von Menschenhand geformt wurden.

Meschers-sur-Gironde – Grottes de Régulus

Beim Schlendern entlang der Uferpromenade begegne ich ihnen unweigerlich: den Carrelets, den hölzernen Fischerhütten auf Stelzen. Mit ihren großen, quadratischen Netzen, die ins Wasser gelassen werden, sind sie ein vertrautes Bild der gesamten Atlantikküste. In Meschers wirken sie vor dem Hintergrund der weißen Klippen jedoch besonders malerisch. Nur Eigentümer mit einer von der Gemeinde ausgestellten Konzession dürfen diese Anlagen betreiben, wodurch ihr authentischer, traditioneller Charakter geschützt wird.

Meschers-sur-Gironde – Carrelets

Ich fahre vorbei an Saint-Georges-de-Didonne, einem feinen Badeort an der Gironde, und erreiche Royan. Der Ort wo die Gironde ihren langen Weg aus dem Landesinneren beendet und sich in den Atlantik ergießt.

Die Fähre, die Royan mit dem gegenüberliegenden Le Verdon verbindet, ist die schönste Art, die Mündung zu überqueren. Man ist auf dem Wasser, hat den Wind im Gesicht und das Gefühl, zwischen zwei Welten zu schweben: zwischen Fluss und Ozean, zwischen Festland und Horizont.

Gironde bei Talmont-sur-Gironde

Es gibt Orte in Frankreich, die sich nicht so einfach beschreiben lassen. Die Mündung der Dordogne ist so ein Ort. Hier hört ein Fluss auf, ein Fluss zu sein, und wird zu etwas Größerem. Dieser riesige Mündungstrichter ist mehr als nur ein einfacher Übergang von Fluss zu Meer. Er ist eine eigene Welt: Brackwasser, Gezeiten, Sandbänke und Inseln wechseln sich ab, und die Landschaft verändert sich im Rhythmus von Ebbe und Flut.

Die Pointe de Grave liegt am äußersten Ende der Gironde, wo das Mündungsgebiet in den offenen Atlantik übergeht. Von hier aus kann man beobachten, wie sich das schlammig-braune Wasser des Flusses im blauen Atlantik verliert – ein langsames, majestätisches Verschwinden. Die Dordogne löst sich ist für immer im Meer auf.

Gironde bei Royan

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