Frankreich von Nord nach Süd – Teil IV

Heute Nacht hat es unablässig und heftig gestürmt und das Wohnmobil kräftig durchgeschüttelt. Dazu hat ein kräftiger Regen eingesetzt.
Weiterfahren macht bei diesem Wetter keinen Sinn. Wir fahren zum Supermarkt, um unsere Vorräte aufzufüllen. Dabei bemerken wir, dass die französische Gasflasche leer ist – schon wieder. Kein Wunder, denn wir haben – zumindest nachts oder morgens – die Heizung an. Da es im Supermarkt volle Gasflaschen zum Tauschen gibt, wechseln wir hier direkt.
Wir fahren noch ins Zentrum und finden in der Markthalle ein Restaurant, in dem wir eine preiswerte aber vorzügliche „Plat du Jour“ verspeisen. Es regnet den ganzen Tag in Strömen. Und wir lassen im warmen Wohnmobil mit der neuen Gasflasche seelenruhig den restlichen Tag verstreichen.

Regen, Regen, Regen

Am nächsten Tag hat sich der Regen verzogen. Die Vögel singen um die Wette. Aber der Morgen ist noch richtig kalt. Unser Weg führt weiter Richtung Süden, durch die „Montagne Noir“, die südlichsten Ausläufer des französischen Zentralmassivs mit immerhin 1.200 Meter Höhe. Das Wasser der nach Süden und Westen fließenden Bäche der „Schwarzen Berge“ wird dort gebündelt und zum „Canal du Midi“ geleitet. Es macht dessen Betrieb erst möglich. Ab hier beginnen auch die Weinanbaugebiete der Region.

Montagne Noir

Nach Süden senkt sich das Mittelgebirge ab und wir erreichen Carcassonne. Mit ihrer drei Kilometer langen Wehrmauer und 52 Türmen ist die Burg Carcassonne die größte Festungsstadt in Europa. Die beeindruckende Mittelalterstätte, die zum Welterbe der UNESCO gehört, ist eine der am häufigsten besuchten Sehenswürdigkeiten in Frankreich. Und genau so präsentiert sich die Stadt: Kitschläden, Getränkestände und ein Lokal nach dem anderen. Und auch weit außerhalb der Ferienzeit: Menschen, Menschen, Menschen. Wir wollen dem Rummel entgehen und abends noch einmal durch die Burg schlendern, aber leider kommt der starke Regen zurück. Schade. Immerhin gibt es heute Abend ESC aus Tel Aviv. Naja …

Carcassonne

Unsere Reiseroute für den nächsten Tag erstreckt sich weiter Richtung Pyrenäen und ins Land der Katharer. In Carcassonne halten wir noch einmal schnell beim Bäcker, um uns mit Baguette und herrlich duftenden Croissants zu versorgen. Jetzt fehlt nur noch eine Bar, um sie zusammen mit einem heißen „Café au lait“ zu verspeisen. In Limoux machen wir deshalb einen Stopp und stehen direkt vor einer solchen Bar.
Der Eingang wird von dichtem Zigarettennebel umhüllt. Viele Leute stehen draußen und rauchen ihre Glimmstängel. Drinnen sind nur Männer, die finster aussehen und eine Sprache sprechen die wir nicht verstehen. Ist das vielleicht schon Katalanisch? Dafür sind wir von der spanischen Grenze doch noch zu weit entfernt. Aber die Wände sind voll mit Postern des FC Barcelona. Vielleicht ist es der Treffpunkt der hier lebenden „Exilkatalonier“? Nicht besonders entspannt trinken wir unseren Kaffee. Und das dauert, weil er mal wieder brühend heiß serviert wurde. Derweilen stellt sich ein sehr alternativ aussehendes Pärchen neben uns an den Tresen und erfüllt den Raum mit der Duftnote „Ich habe mich seit Wochen nicht mehr gewaschen“. Puhhh. Aber die Croissants waren sehr gut …

Auf unseren Lieblingssträßchen (klein, kurvig und einspurig) fahren wir weiter in die Berge zum Chateau de Peyrepertuse. Die eindrucksvolle Katharerburg wir wegen ihrer Lage zurecht auch die Zitadelle des Schwindels genannt. Ab dem Parkplatz am Rande der Straße zur Burg beginnt ein steiler Weg, über den man in 20 Minuten bis zu den Ruinen von Peyrepertuse gelangen würde – wenn man denn wollte. Wir begnügen uns mit einem Blick hinauf. Das muss für heute reichen.
Da wir sehr gerne auf schmalen Straßen fahren, wollen wir noch die Schluchten von Galamus besuchen, eine grandiose Naturstätte mit schwindelerregend hohen Kalksteinwänden. Aber leider ist die Strecke von der Zufahrt, von der wir kommen, für Fahrzeuge mit mehr als zwei Metern Breite gesperrt. Schade, das wird dann wohl nichts mit diesem Abenteuer.

Also fahren wir nach Quillan, denn dort kennen wir einen Übernachtungsplatz. Neben diesem Platz findet bei unserer Ankunft ein lokales Bouleturnier statt. Wahrscheinlich sind es Kneipenmannschaften, die daran teilnehmen. Urige Typen! So lieben wir Frankreich!

Chateau de Peyrepertuse

Der Naturpark der katalanischen Pyrenäen, der heute auf dem Programm steht, hat eine Fläche von 138.000 Hektar und eine Höhenlage zwischen 300 und 3.000 Metern. Die weiten Ebenen, die außergewöhnliche Flora und das berühmte Canigou-Massiv machen aus dem Naturschutzgebiet ein wahres Paradies.
Die Strecke zwischen Quillan und Villefranche-de-Conflent verläuft größtenteils in diesem Gebiet und bietet uns herrliche Aussichten in schmale Täler, weite Hochebenen und auf schneebedeckte Pyrenäenberge.

Naturpark katalanische Pyrenäen
Naturpark katalanische Pyrenäen

Das Dorf Villefranche-de-Conflent (Les Plus Beaux Villages des France), das als ein Teil der Festungsanlagen von Vauban zum Welterbe der UNESCO gehört, liegt am Zusammenfluss der Ströme Têt, Cady und Rotja am Fuß des Canigou-Massivs. Kunstgalerien, Boutiquen mit Souvenirs und kleine Lädelchen mit lokalem Kunsthandwerk machen das Städtchen charmant. Das Forts Libéria liegt hoch über Villefranche-de-Conflent und ist über einen steilen Weg und 734 Stufen zu erklimmen … wir machen das wohl nächstes Mal!

Villefranche-de-Conflent

Prades ist ein typisches kleines Städtchen in den Pyrenäen. Kleines lokales Zentrum, Dorfplatz mit Platanen, Cafés, Bouleplatz. Wir finden auf dem Lehrerparkplatz der Schule einen ruhigen Schlafplatz

Prades

Am Fuß des Canigou-Massivs befindet sich in einer Umgebung mit vielen Obstbaumanlagen ein Kloster mit einem wunderschönen romanischen Glockenturm. Die im 9. Jahrhundert gegründete Abtei Saint-Michel in Cuxa wird heute von Benediktinermönchen bewohnt. Die Fahrt dorthin ist von Prades aus nicht weit und verläuft wieder auf kleinen, gewundenen Sträßchen. Dem können wir nicht widerstehen und finden, der Umweg hat sich gelohnt.

Saint-Michel in Cuxa
Saint-Michel in Cuxa

Als wir nach Prades zurückkommen, besuchen wir den örtlichen Wochenmarkt. Wir finden es immer interessant, französische Märkte zu besuchen. Man findet neben Obst und Gemüse sowie Backwaren auch Fleisch-, Käse- und manchmal Fischstände.
Oft kann man auf diesen Märkten auch Textilien, Stoffe, Haushaltswaren aller Art und manchmal sogar Antiquitäten erstehen. Die Preise sind – vor allem bei lokalem Obst und Gemüse – für deutsche Verhältnisse sehr günstig. Käse, Fleisch und Fisch sind hingegen oft teurer als im Supermarkt, dafür aber meist von besonderer Qualität.

Am Nachmittag fahren wir nach Perpignan und treffen dort unsere Tochter und ihren Mann, die auf dem Weg in die Ferien nach Spanien sind. Die beiden wohnen in Hamburg, aber wir treffen uns mal schnell in Südfrankreich. Warum nicht! Unser Timing hat jedenfalls sehr gut gepasst.

Perpignan ist ein wunderbarer Ort mit viel spanischer Leichtigkeit. Fast die gesamte Altstadt ist heute eine Fußgängerzone und wird umschlossen von einem Boulevardring mit schönen Häusern der „Belle Époque“. Im ältesten Teil von Perpignan leben überwiegend Migranten und Zigeuner. Es ist wunderbares Sommerwetter und es macht Spaß, durch die Gassen und über die Plätze zu streifen.

Perpignan
Perpignan
Perpignan

Auf der Rückfahrt nach Prades (wir wollen wieder auf dem Lehrerparkplatz übernachten) kommt mitten in einem vierspurigen, dicht befahrenen Kreisverkehr plötzlich der große Schreck: Das Wohnmobil lässt sich nicht mehr beschleunigen! Also: anhalten, Warnblickanlage einschalten, ersten Gang einlegen, versuchen wieder loszufahren. Nichts. Mist! Wir schaffen es gerade noch hinter den Kreisverkehr und auf den Standstreifen der Schnellstraße. Was tun? Erst einmal den Motor ausschalten und neu starten. Und siehe da: Alles funktioniert wieder! Merkwürdig. Aber wir können erst einmal weiterfahren. Beim Blick auf den Tacho kommt dann die Erleuchtung. Wir haben in Frankreich den automatischen Geschwindigkeitsbegrenzer auf 80 km/h gestellt, weil zu schnelles Fahren bei den Franzosen inzwischen extreme Geldbußen nach sich zieht. Und dieser Begrenzer hat sich – warum auch immer – auf 20 km/h verstellt. Beim Neustarten hat er sich ordnungsgemäß ausgeschaltet. Also doch nichts kaputt, sondern nur dumm angestellt!

Im Tal von Boulès in der Gemeinde Boule-d’Amont steht ein romanisches Priorat mit dem Namen Sainte-Marie de Serrabona, das zu Beginn des 11. Jahrhunderts gegründet wurde. Es liegt mitten in einem unberührten und saftig grünen Naturschutzgebiet. Allein schon die wunderschöne Stätte, aber auch das bemerkenswerte künstlerische Erbe machen den Besuch lohnenswert.

Sainte-Marie de Serrabona
Sainte-Marie de Serrabona
Sainte-Marie de Serrabona
Sainte-Marie de Serrabona

Durch einen herrlichen Buchenwald führt das Sträßchen immer tiefer in die Pyrenäen hinein. Nach jeder Abzweigung wird die Straße noch ein bisschen enger und kurviger. Aber dann sehen wir Lamanère das erste Mal vor uns! Ein kleines, wunderschönes Bergdörfchen.  Das Ziel unserer Reise. Die südlichste Gemeinde in Frankreich auf dem europäischen Festland. Wir haben sie erreicht! Ganze 41 Einwohner hat der Ort. Wir laufen ein paar Schritte und lassen die vergangene Reise Revue passieren.

Lamanère
Lamanère
Lamanère

Unser Fazit: Wir haben eine wunderschöne und sehr abwechslungsreiche Reise von der nördlichsten bis zur südlichsten Gemeinde in Frankreich erlebt. Wir sind durch sehr unterschiedliche Regionen gereist: Nord Pas de Calais, Picardie, Ile de France, Loire, Burgund, Auvergne, Langedoc und die Pyrenäen. Rau, wild, lieblich, zauberhaft. Eine perfekte Mischung. Wie wunderbar vielseitig unser europäischer Nachbar doch ist.

France, nous t`aimons.

2 Comments

  1. Hallo Joe, hier ist Rudi, habe gerade den ersten Teil deiner Berichterstattung über deine Frankreichfahrt gelesen. Toll, mach weiter so 😀
    Ich hoffe es geht euch gut und wünsche euch alles gute für die weitere Fahrt.
    Liebe Grüße. Rudi.

    Rudolf Przibylla

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