Heute geht es in einem großen Sprung weiter Richtung Westen. Wir schaukeln auf schmalen Sträßchen und durch interessante Landschaften nach Paimpol. Hier bemerken wir zum ersten Mal, dass die Bretagne eines der Haupturlaubsziele der Franzosen ist. Das Städtchen empfängt uns mit einem Stau schon weit vor der Ortsmitte. Der Wohnmobilstellplatz ist komplett überfüllt, die Fahrzeuge stehen Tür an Tür. Schrecklich! Wir finden einen Parkplatz an der Zufahrt zum Stellplatz mit Blick auf den Hafen und entgehen so der Enge.

Es ist Mittag und wir wollen im Ort Essen gehen. Wir entdecken ein ansprechendes Restaurant, TripAdvisor gibt mit sehr guten Bewertungen grünes Licht, ein freies Tischchen finden wir auch. So weit so gut. Einen langweiligeren Kellner sieht man selten. Die Fischsuppe ist dünn und fad. Das Entrecôte auch. Schade, das ganze hat einen Haufen Geld gekostet. Egal, es ist ein herrlicher Sommertag und wir trinken am Hafen mit Blick auf die Jachten einen kleinen Kaffee. Eine langweiligere Kellnerin sieht man selten …

Wir beschließen, hier zu übernachten. Unser Parkplatz ist auch kein schlechter Schlafplatz. Am Abend kommt die Polizei vorbei und gegen eine kleine „Gebühr“ dürfen wir über Nacht stehen bleiben. Einen langweiligeren Dorfpolizisten sieht man selten …

Paimpol

Ein paar Kilometer sind es nur von Paimpol nach Tréguier. Uns hat es dieses kleine Städtchen sofort angetan. Der Hafen, an einer von den Gezeiten geprägten Flussmündung, besitzt einen Handelshafen, er wird aber hauptsächlich als Jachthafen genutzt.

Diese ehemalige Bischofsstadt beherbergt eine im 14. und 15. Jahrhundert errichtete Kathedrale. Die gotische Cathédrale Saint-Tugdual ist eine der schönsten der Bretagne, mit einem herrlichen Kreuzgang aus dem 15. Jahrhundert. Man kommt von weit her, um das Chorgestühl und das Grab des Heiligen Yves, des Schutzheiligen der Region und Anwalts der Armen, zu bewundern.

Tréguier – Cathédrale Saint-Tugdual
Tréguier – Cathédrale Saint-Tugdual
Tréguier – Cathédrale Saint-Tugdual
Tréguier – Cathédrale Saint-Tugdual
Tréguier – Cathédrale Saint-Tugdual

Das historische Stadtviertel mit seinen Fachwerkhäusern aus dem 15. und 16. Jahrhundert, seinen Gassen, versteckten Gärten und Stadthäusern erstreckt sich bis zum Hafen. Ein Drittel der Gemeinde ist als Denkmalschutzgebiet klassifiziert.

Tréguier
Tréguier
Tréguier

Obwohl Tréguier einen wunderschönen Wohnmobilplatz hat, wollen wir den Tag nutzen und fahren weiter nach Trégastel. Der Ort liegt an der sogenannten Côte de Granit Rose. Ein Küstenstreifen, wo rosa Granitfelsen und feine Sandstrände einander abwechseln. Wir machen einen langen Spaziergang zu den Felsen und ins Watt. Immer wenn wir an den Atlantik kommen, ist grade Ebbe!

Trégastel
Trégastel

Der Wohnmobilplatz in Trégastel ist groß und ziemlich voll (was wir nicht so gerne mögen), aber er liegt sehr günstig zum Meer und ein HyperU ist auch fußläufig zu erreichen. Was braucht man mehr?

Entlang der Küste tuckern wir am nächsten Tag auf kleinen Sträßchen vorbei an Trébeurden (ein nettes Dörfchen mit langem Sandstrand), Locquirec (an der Grenze von der Cotes d’Armor zum Finistère) nach Carantec. Das ehemalige Dörfchen lebte einmal vom Fischfang und von der Ernte von Algen, heute ist jedoch der Tourismus, wie hier überall an der Küste, die bevorzugte Einnahmequelle der Bevölkerung.

Wir finden einen feinen Übernachtungsplatz bei den Sportanlagen, schauen TV und lassen uns von der Faszination der Übertragung der „Tour de France“ anstecken.

Küste bei Carantec

Mehr oder weniger „um die Ecke“ von Carantec liegt Saint-Pol-de-Léon. Eine alte Bischofsstadt, welche gleich zwei herausragende Bauwerke sein eigen nennt: die ehemalige Kathedrale und der Turm der Chapelle du Kreisker. Dieser 78 Meter hohe Turm aus dem 14. Jahrhundert wurde zum Vorbild für zahlreiche Kirchtürme in der Bretagne. Als Bischofssitz bis zur Französischen Revolution, hat Saint-Pol-de-Léon eine Kathedrale aus dem 13. Jahrhundert. Kirchliche Baumeister haben das ganze Stadtbild geprägt. Die Kathedrale, die Kapellen, die bischöfliche Residenz – Frömmigkeit überall. In den Straßen und Gassen der historischen Altstadt wurden viele Adelshäuser mit eleganten Granitskulpturen, Herrenhäuser und Wohnsitze reicher Händler errichtet.

Saint-Pol-de-Léon – Cathédrale Saint-Paul-Aurélien
Saint-Pol-de-Léon – Cathédrale Saint-Paul-Aurélien
Saint-Pol-de-Léon – Cathédrale Saint-Paul-Aurélien

Roscoff, liegt nur wenige Kilometer von Saint-Pol-de-Léon entfernt. Einen kleinen Abstecher auf einen Kaffee wollen wir machen. Der Ort empfängt uns mit dem Hinweis, den P&R Parkplatz und den kostenlosen Shuttlebus in das Städtchen zu benutzen. Perfekt. Die haben sich was gedacht. Nur nicht an Wohnmobile. Die Parkplätze zum Shuttlebus sind alle mit Höhenbegrenzungen versehen, ansonsten absolutes Halteverbot! Also doch nicht zu Ende gedacht!

Für ein schönes Panoramafoto des Örtchens halte ich aber doch an. Die beste Sicht habe ich, wenn ich meinen rechten Fuß 20 Zentimeter in die Einfahrt eines noblen Privathauses stelle. Und sofort kommt vom dort beschäftigten Gärtner(?) der strenge Hinweis: „Monsieur, c’est un terrain privé!!“ Ich kann’s gar nicht glauben. Aber mein Foto habe ich da schon geknipst!!

Roscoff

Wir fahren noch einmal weg von der Küste ins Landesinnere, um zwei bedeutende Kalvarienberge und umfriedete Pfarrhöfe der Bretagne zu besuchen. Es bedeutet zwar einen kleinen Umweg auf unserer Reise gen Westen, aber wir wollen diese Sehenswürdigkeiten nicht verpassen.

In Saint-Thégonnec sehen wir, zum ersten Mal auf dieser Reise, diese typischen Bauwerke der Bretagne. Die Kirche von Saint-Thégonnec, aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, wurde nach einem Brand 1998 wiederhergestellt.

Saint-Thégonnec
Saint-Thégonnec

Vorbei an Weizen- und Artischockenfeldern fahren wir weiter nach Guimiliau. Die Speisekarte einer netten Crêperie animiert uns zum Bleiben. Und wir bestellen uns gefüllte Artischocken aus der Region. Wenn dann so eine ganze Artischocke vor einem liegt, muss man erst einmal überlegen, wie so etwas gegessen wird. Oder man schaut einfach dem Nachbarn zu. Die einzelnen Blätter werden mit den Fingern ausgezupft (das geht ganz leicht weil ja gekocht) und das bisschen Fruchtfleisch abgelutscht. Dazwischen mit einem Löffel die Füllung nicht vergessen. Und so wird gegessen, bis zum Schluss der Artischockenboden erreicht ist. Schmeckt sehr gut, ist aber eine mords Sauerei!

Blühende Artischocken

Guimiliau hat die typische religiöse Architektur für bretonische Dörfer. Die Pfarreinfriedung schützt eine Kirche, den Kalvarienberg und ein Beinhaus. Die Gesamtheit, die von einer Ringmauer geschützt ist, ist vom monumentalen Eingang zugänglich, im Allgemeinen in Form eines Tors oder eines Bogens.

Guimiliau
Guimiliau

Zurück an der Küste landen wir in Brignogan-Plages, einem netten und sehr umtriebigen Städtchen. Einen Schlafplatz finden wir aber in Meneham auf dem Stellplatz direkt an den Dünen, und keine 50 Meter zum Meer.

Meneham

Entlang der Küste führt die Strasse immer weiter nach Westen. Wir versuchen, möglichst eng der Küstenlinie zu folgen, denn die Ausblicke sind atemberaubend. Viele Wohnmobile stehend in den Dünen, keiner scheint sich daran zu stören. Das gibt es nur in Frankreich!

Küste bei Tremazan

Kurz bevor wir Lampaul-Plouarzel erreichen, biegen wir noch links in ein schmales Sträßchen ein, an dessen Ende sich nach wenigen Kilometern Fahrt der größte, noch stehenden Menhir von Frankreich befindet: der Menhir von Kerloas. Der 9,50 m hohe Brocken hat hier schon 5000 Jahre überdauert und besitzt zwei Beulen. Noch bis ins 19. Jahrhundert sollen Paare in der Hochzeitsnacht hierher gekommen sein, um sich nackt an den Beulen zu reiben – er, um Söhne zu zeugen und sie, um zuhause die Hosen anzuhaben. Wir führen dieses Ritual nicht durch, denn wir haben zwei Töchter und die Rollenverteilung ist bei uns ebenfalls geklärt!

Menhir von Kerloas

Etwas weiter südlich passiert die Strasse eine unscheinbare Abzweigung, die zu einem kleinen Parkplatz auf einer Landspitze über dem Meer führt: Pointe de Corsen. Dieser Felsen ist der westlichste Punkt Frankreichs. Nur wenige Besucher sind außer uns da, während sich weiter südlich, an der Pointe de Raz, die Massen drängen, obwohl dort nicht der westlichste Punkt Frankreichs ist. Der kleine Abstecher zum Pointe de Corsen lohnt sich aber in jedem Fall, denn die Anlage ist schön gemacht und der Ausblick ist beeindruckend.

Pointe de Corsen

Nur noch eine kurze Strecke, und wir haben das Ziel dieser Reise erreicht. Lampaul-Plouarzel. Die westlichste Gemeinde auf dem französischen Festland. Der Urlaubsort mit einem kleinen Fischereihafen und der Ankermöglichkeit für Sportboote hat etwas mehr als 2000 Einwohner. Ansonsten ist es trotz seiner geografischen Bedeutung ein sehr unscheinbarer Ort.

Unser Fazit: Wir haben eine wunderschöne und sehr abwechslungsreiche Reise von der östlichsten bis zur westlichsten Gemeinde in Frankreich erlebt. Wir sind durch sehr unterschiedliche Regionen gereist: Elsass-Lothringen, Ile-de-France, Pays de la Loire, Normandie, Bretagne. Rau, lieblich, zauberhaft. Eine perfekte Mischung. Wie wunderbar vielseitig unser europäischer Nachbar doch ist.

France, nous t`aimons

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