Rund um Deutschland – Brandenburg

Das nächste Bundesland, das ich bei meiner Umrundung der Bundesrepublik Deutschland entlang der Landesgrenze erreiche, ist Brandenburg. Rund 250 Kilometer lang ist die Grenze zu Polen. Danach werde ich nahe der Ostsee Mecklenburg-Vorpommern erreichen.

Ich wechsle zwar das Bundesland, bleibe aber trotzdem noch in der Lausitz, die den Süden Brandenburgs, den Osten des Freistaates Sachsen sowie Teile des polnischen Niederschlesien umfasst.

Kurz bevor ich Cottbus erreiche, werde ich durch ein Hinweisschild auf einen Aussichtsturm über den Braunkohle-Tagebau aufmerksam. Also rechts geblinkt und abgebogen. Ein lohnendes Ziel für einen großartigen Rundumblick ist dieser Aussichtsturm in Merzdorf. Aus 30 Meter Höhe kann ich mir ein eindrucksvolles Bild von den Dimensionen des Gesamtprojekts „Cottbuser Ostsee“ machen. Nach 30 Jahren Kohleförderung entsteht aus dem ehemaligen Tagebau Cottbus-Nord ein See: der Cottbuser Ostsee. Baumaßnahmen der Superlative wie das Ausformen des Seebeckens und die Profilierung der insgesamt 26 Kilometer langen Uferlinie charakterisieren das Vorhaben. 2018 war die Flutungsbereitschaft für den Cottbuser Ostsee hergestellt. Ab April 2019 kann dem Seebecken Wasser aus der Spree zuströmen. So verwandelt sich bis Mitte der 2020er Jahre der vormals kleinste aktive Tagebau der Lausitz in Brandenburgs größtes Binnengewässer und den größten Bergbaufolgesee Deutschlands.

Ich würde gerne eine Führung in einer der Abbaustätten machen, aber laut Internetrecherche sind diese derzeit alle aufgrund der COVID-19-Epidemie für Besucher geschlossen.

Flutungsgebiet Cottbusser Ostsee
Braunkohlebagger bei Ostritz

Cottbus, nach Potsdam die zweitgrößte Stadt Brandenburgs, macht auf mich einen quirligen, lebendigen Eindruck, was bestimmt daran liegt, dass Cottbus Universitätsstadt ist und die vielen Studenten die Stadt positiv verjüngen. Es ist schön durch die Stadt zu bummeln, schöne Geschäfte zu sehen und in einem der vielen Straßencafes zu verweilen.

Cottbus – Altmarkt
Cottbus – Nikolaikirche
Cottbus – Nikolaikirche
Cottbus
Cottbus – Altmarkt
Cottbus – Querstrasse zum Altmarkt

Keine halbe Autostunde von Cottbus entfernt beginnt in westlicher Richtung das Gebiet des Spreewalds. Die Cottbus am nächsten liegende Stadt ist Burg im Spreewald. Bisher wurde ich auf meiner Reise weitestgehend von großen Touristenansammlungen verschont. Aber hier erwischt es mich geballt. Das Städtchen quillt über vor Menschen. Alle zieht es an den kleinen Hafen, von wo aus die Kähne zu einer kleinen Rundfahrt durch die Spreeauen losfahren. An ein gemütliches und entspanntes Bummeln durch den Ort ist nicht zu denken, davon abgesehen, dass ich wahrscheinlich sowieso keinen Parkplatz bekommen hätte. Alle Parkplätze sind für Wohnmobile gesperrt. Na gut, dann halt nicht! Meinen Plan, einen Abstecher nach Lübbenau ins Zentrum des Spreewalds zu machen, gebe ich spontan auf. Diese Ziele sind doch eher für den Herbst und nicht für die Sommerferien geeignet.

Ich fahre also kurzerhand zurück nach Cottbus. Am Thermalbad hat die Stadt einen feinen Stellplatz geschaffen und ich beschließe hierzubleiben.

Von Eisenhüttenstadt bin ich positiv überrascht. Erwartet habe ich eine graue Industriewüste, entdeckt habe ich eine sehr freundliche Stadt mit viel Grün. Zeuge eines pulsierenden, urbanen Lebens wird man heutzutage zwar nicht unbedingt in Eisenhüttenstadt, dabei war das einmal ganz anders.

Man versetze sich gedanklich in die Fünfzigerjahre zurück und stelle sich die Aufbruchstimmung vor, die hier geherrscht haben muss. Ein riesiges Eisenhüttenwerk entstand und drumherum eine ganze Stadt – nach sowjetischen Vorbild, auf dem Parteitag beschlossen und dem Reißbrett geplant. Hier sollte für die junge DDR eine Vorzeigestadt sondergleichen entstehen. Tausende junger Familien kamen bald darauf in den Ort, der eine großartige Zukunft versprach. Hierher zu ziehen, eine moderne Wohnung und eine gut bezahlte Arbeit zu bekommen, das galt quasi als Auszeichnung, denn nicht überall in der DDR lebte es sich so gut wie hier.

Etwa 65 Jahre nach der Gründung hat sich das Leben hier stark verändert. Man spürt das schwierige Los, das eine Stadt mit der Abhängigkeit von einem einzigen Werk gezogen hat. Nach der Wiedervereinigung wurden wie überall in der ehemaligen DDR massiv Arbeitsplätze abgebaut. Infolgedessen stiegen Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Zwischen dem Ende der DDR und heute hat die Stadt über die Hälfte ihrer Einwohner verloren. Die denkmalgeschützten Wohnkomplexe im Stalin-Stil der Fünfzigerjahre sind saniert. Nicht ohne Grund zieht die Stadt große Filmproduktionen an. „Die ist 1953 von den Kommunisten gebaut worden, um den Leuten zu zeigen, wie großartig das Leben im Sozialismus ist.“ Mit diesen Worten beschrieb US-Schauspieler Tom Hanks Eisenhüttenstadt dem amerikanischen Fernsehpublikum.

Eine gut ausgebaute Bundesstraße bringt mich weiter nach Frankfurt/Oder. Zwei Länder und zwei Städte liegen sich an den Ufern der mittleren Oder gegenüber. Die Kleiststadt Frankfurt (Oder) und das polnische Slubice, verbunden durch die Stadtbrücke. Die ehemals mächtige Universitäts-, Handels-, und Hansestadt Frankfurt (Oder) hat mit der Kirche St. Marien eine der größten Hallenkirchen der norddeutschen Backsteingotik in Deutschland zu bieten.

Frankfurt/Oder wurde gegen Ende des 2. Weltkriegs fast vollständig zerstört. Der Wiederaufbau erfolgte nach dem Vorbild des sozialistischen Städtebaus. Und leider wirkt die Stadt auf mich auch heute immer noch ein bisschen grau und schlicht. Immer noch so ein bisschen wie früher …

Frankfurt/Oder
Frankfurt/Oder
Frankfurt/Oder
Frankfurt/Oder – ehemaliges Schulgebäude (DDR)
Frankfurt/Oder – v. Kleist Museum
Frankfurt/Oder – Blick über die Oder nach Polen

Ich habe vor, auf dem Stellplatz in Frankfurt/Oder zu übernachten. Als ich dort ankomme, ist das Tor geschlossen – kein Mensch da. Ein Schild weist darauf hin, dass in zwei Stunden jemand zum Aufsperren vorbei kommt (zwischen 15:30 und 18:00 Uhr). Und das Ganze für 15 Euro pro Nacht. Also für zweieinhalb Stunden täglicher Arbeitszeit ist mir das entschieden zu viel an Stundenlohn. Und ich habe keine Lust auch noch darauf zu warten, dass ich mein Geld loswerden darf. Also weiter der Oder entlang und gute fünf Kilometer hinter Frankfurt/Oder finde ich in Lebus einen kostenlosen Übernachtungsplatz direkt an der Oder. Perfekt!

Lebus
Lebus – Blick über die Oder nach Polen
Lebus

Um 6:30 Uhr werde ich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Plötzlich herrscht ein Höllenlärm: Es sind zwei Herren der Gemeindeverwaltung, die wohl der Ansicht sind, dass der spärliche Rasen an den Bordsteinen mal wieder richtig entfernt werden sollte. Und das bewerkstelligt Mann eins mit einer Motorsense und Mann zwei vervollständigt das zerstörerische Werk mit einem gasbetriebenen, feuerspeienden Unkrautbrenner. Ich bin jedenfalls hellwach! Zu guter Letzt verteilen sie die Hinterlassenschaften der Mähaktion mit einem überdimensionalen Laubbläser. Alle Geräte des Bauhofs kommen heute zum Einsatz!

Ich mache mich schnell abfahrbereit und fahre vorbei an Schloss Neuhardenberg* durch riesige Buchenwälder, die unter dem Schutz des Weltkulturerbes der UNESCO stehen, über Eberswalde zum Kloster Chorin.

* Schloss Neuhardenberg – rund 60 Kilometer östlich von Berlin gelegen – gehört zusammen mit Schlosspark und Kirche zu den wenigen erhaltenen Gesamtkunstwerken des preußischen Klassizismus. Geprägt und gestaltet wurde das Ensemble von drei herausragenden Künstlerpersönlichkeiten: Karl Friedrich Schinkel, Peter Joseph Lenné und Hermann Fürst von Pückler-Muskau. Das weitläufige Areal mit dem strahlend weißen klassizistischen Schloss am Rande des Oderbruchs und der Märkischen Schweiz gelegen, zählt zu den schönsten historischen Ensembles in Deutschland.

Schloss Neuhardenberg

Das Kloster Chorin ist eine ehemalige gotische Zisterzienserabtei, 1258 von askanischen Markgrafen gegründet. Zwischen der 1542 erfolgten Säkularisation und dem beginnenden 19. Jahrhundert war das Kloster dem Verfall preisgegeben. Dann erfolgten Sicherung der Ruinen und teilweise Rekonstruktion der Gebäude unter der Leitung von Karl Friedrich Schinkel.

Und es ist wunderschön! Eingebettet in einen Park mit herrlichem Baumbestand, weitab von Verkehrslärm und Hektik. Ein wunderbarer Ort sich zu besinnen, die Ruhe zu genießen und neue Kraft zu tanken. Es sind außer mir keine Besucher da. Ich schlendere mutterseelenalleine durch die Ruinen und bin froh, den Umweg hierher gemacht zu haben.

Kloster Chorin
Kloster Chorin
Kloster Chorin
Kloster Chorin

Auf der Fahrt zum Kloster Chorin habe ich schon den Wegweiser zum Schiffshebewerk in Niederfinow gesehen. Das hört sich interessant an, also scharf links abgebogen und nach wenigen Kilometern bin ich in Niederfinow angekommen.

Das 1934 in Betrieb genommene Schiffshebewerk Niederfinow ist das älteste noch arbeitende Schiffshebewerk Deutschlands. Es liegt am östlichen Ende des Oder-Havel-Kanals in Niederfinow/Brandenburg und überwindet einen Höhenunterschied von 36 Metern. Als 1905 der Bau des Großschifffahrtsweges Berlin–Stettin begann, wurde auch das Schiffshebewerk geplant, nachdem der Bau einer Schleusentreppe verworfen worden war.

Ein mächtiges, stählernes, faszinierendes Ungetüm ist dabei entstanden. In einem mit Wasser gefüllten Trog werden die Schiffe mittels Gegengewichten wie in einem Aufzug nach oben oder unten befördert. Es ist heute mit jährlich rund 11.000 Schiffen an seiner Kapazitätsgrenze angelangt, weshald 1997 der Neubau eines neuen, größeren Hebewerkes beschlossen wurde.

Schiffshebewerk Niederfinow
Schiffshebewerk Niederfinow
Schiffshebewerk Niederfinow (16. Februar 1932)
Schiffshebewerk Niederfinow – Neubau

Direkt am Besucherparkplatz des Schiffshebewerks, der sich auch sehr gut für eine Übernachtung eignet, gibt es Kioske, an denen man kleine Speisen kaufen kann. Ich komme mir vor wie zu Zeiten als es die DDR noch gab. Alles Original erhalten, wie im Film. Und die Mentalität der Buden-Beschäftigten ist auch noch authentisch. Ich sitze schon gute 20 Minuten, bis ich von der “äußerst charmanten” Bedienung überhaupt wahrgenommen werde. Aber zu spät! Ich bin schon auf dem Weg zur Konkurrenz nebenan, die übrigens auch den besseren Kuchen hatte!

Das letzte Stück durch Brandenburg führt mich nach Schwedt, eine Industriestadt direkt an der polnischen Grenze. Schon von Weitem sehe ich die Schornsteine einer riesigen Erdölraffiniere, die eine Fläche von mehreren Quadratkilometern einnehmen muss. Eine über 3.000 Kilometer lange Erdölleitung aus dem Ural lieferte schon in der DDR den Grundstoff dafür. Mit der Raffinerie und Papierwerken ist Schwedt/Oder einer der großen Wirtschaftsstandorte im Land Brandenburg. Breite Straßen führen ins Zentrum, gesäumt von Plattenbauten aus den 70er Jahren. Sozialistische Bauweise die zur Einschüchterung der Bevölkerung diente. Der Einzelne sollte sich ganz klein fühlen!

Innerhalb der DDR war Schwedt ein Synonym für die Ölindustrie, aber auch die Militärjustiz. Seit 1964 inhaftierte das Justizministerium in später zum Gefängnis umgebauten, ehemaligen Arbeiterbaracken am Stadtrand in der Nähe der Raffinerie „auffällig“ oder straffällig gewordene Soldaten. Dieses 1968 offiziell eingerichtete „Sonderlager“ war das einzige Militärgefängnis der DDR. Innerhalb der Nationalen Volksarmee (NVA) und bei Wehrdienstverweigerern galt die Postleitzahl von Schwedt „133“ als gleichbedeutend für harte Strafen.

Ich finde die Stadt wenig einladend und deshalb mache ich mich bald wieder auf den Weg. Die Ostsee ruft und damit auch das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern.

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One Comment

  • Reinhard Meyer

    Liebe Josef,

    es ist immer wieder spannend deine Reiseberichte zu lesen und die vielen richtig tollen und gelungenen Aufnahmen zu betrachten, ein Genuß.
    Wenn ich ehrlich bin, beneide ich dich direkt ein wenig, auf der anderen Seite schwelge ich jedoch in deinen Schilderungen und den Fotos.
    Ich wünsche euch auch weiterhin schöne Reiseerlebnisse und freue mich über jeden neuen hinzukommenden Reisebericht und die Fotos.
    Weiterhin alles Gute, bleibt gesund!

    Viele Grüße,
    Reinhard M e y e r
    Foto-AG Ehrenkirchen

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