Rund um Deutschland – vom Vogtland nach Brandenburg

Der Übergang vom Freistaat Bayern in den Freistaat Sachsen verläuft fließend. Würde nicht ein Schild an die ehemalige innerdeutsche Grenze erinnern, wäre ich ganz unbedarft an dieser historischen Stätte vorbeigefahren. Von den ausgedehnten Grenzanlagen ist nichts mehr zu sehen. Alles ist eins geworden. Gut so! Und so fahre ich direkt vom fränkischen ins sächsische Vogtland. Unweit der bayrischen und der tschechischen Grenze liegt mein erstes Ziel in Sachsen: Bad Elster

Rund um die Weiße Elster, einem von vielen kleinen Bächen gespeisten Fluss, erstreckt sich der traditionsreiche Ort. Die Kultur- und Festspielstadt befindet sich im Dreiländereck zwischen Tschechien, Bayern und Sachsen in einem Tal auf 480 Meter über NN. Bis zu 650 Meter steigen Berge mit dichten und dunklen Wäldern fast rundherum in die Höhe.

Mir gefällt Bad Elster sofort. Ein sehr hübscher Ort in dem sich alles um den Kurbetrieb dreht. Wo einst die “Upperclass” des 19. Jahrhunderts weilte, kann man sich heute in einem modernen Kurbad verwöhnen lassen. Das gesamte Heilbad ist vom Flair der Gründerzeit mit eleganten Hotelanlagen und gepflegten Pensionen beeinflusst. Das mondäne königliche Kurhaus sowie das renommierte König Albert Theater vervollkommnen das Bild des schicken Kurortes. Und im historischen Kurpark kann ich herrlich promenieren und einen Logenplatz im Kurpark Café einnehmen.

Bad Elster
Bad Elster
Bad Elster – Marienquelle
Bad Elster – Kurpark

Nicht ganz so schön wie das benachbarte Bad Elster ist Bad Brambach, welches ebenfalls zu den “Sächsischen Staatsbädern” zählt. Ich fahre die wenigen Kilometer bis ganz nah an die tschechische Grenze, aber der Ort erscheint mir unscheinbar und viel weniger anziehend als Bad Elster. Es gibt ebenfalls einen schönen Kurpark zu begehen, aber die besondere Atmosphäre von Bad Elster fehlt.

Ich fahre deshalb dorthin zurück und finde etwas außerhalb einen schönen Übernachtungsplatz am Schwimmbad und beim Museum “Kleines Vogtland”, das vogtländische Sehenswürdigkeiten en miniature ausstellt. Und ich habe sogar Handyempfang! In Bad Elster war absolute Funkstille. Wenigstens gab es dort ein gut funktionierendes öffentliches WLAN.

Am nächsten Morgen ist Weltuntergangsstimmung. Es regnet ununterbrochen, der Himmel ist schwarz. Ich lasse es erst einmal ruhig angehen. Schon wieder einen Regentag im Wohnmobil? Ich beschließe, nach Plauen zu fahren. Dort gibt es zentral einen großen Parkplatz, auf dem ich abwarten kann, wie sich das Wetter entwickelt. Aber es schüttet weiter ununterbrochen. Erst am frühen Nachmittag hört das Trommeln des Regens auf dem Wohnmobildach auf. Also nichts wie los … stadtfertig machen, Fotoapparat nicht vergessen und los geht‘s. Doch kaum bin ich losgestürmt, regnet es schon wieder! Es reicht kaum, um ein paar Fotos zu machen – ich komme klatschnass zurück ins Wohnmobil. Mist!

Plauen ist aber selbst bei Regenwetter anschaulich. Die Stadt ist unbestritten die Metropole des Vogtlandes, die ihre Wurzeln in der jahrhundertealten Tradition der Textilherstellung hat. Von hier wurde die “Plauener Spitze” weltbekannt. Plauen wirbt deshalb auch mit dem Motto “echt Spitze”.

Der Großparkplatz bietet sich dazu an, dort die Nacht zu verbringen. Es ist nachts erstaunlich ruhig, ich muss nicht mehr fahren und kann mich heute noch mit der notwendigen “Hausarbeit” beschäftigen. Denn auch 8m2 müssen in Schuss gehalten werden!

Plauen
Plauen
Plauen – Rathaus
Plauen

Die Sonne lacht, die Vöglein zwitschern um die Wette – und das schon um halb 5 Uhr. Hier wird es deutlich früher hell als zuhause im Badischen. Und meine Stimmung bessert sich auch sofort nach dem langen Regentag. Ich fahre zum Ent- und Versorgen nochmal zurück nach Bad Brambach. Mit VE’s ist die Gegend nicht gut ausgestattet. Dafür werden mir für 1x Klo leeren und 20 Liter Frischwasser tanken fünf Euro abgeknöpft. So geht Marktwirtschaft!

Mein Weg führt mich weiter entlang der tschechischen Grenze, erst auf der “Deutschen Alleenstraße” und dann auf der “Silberstraße” nach Osten. In Klingenthal mache ich einen kurzen Stopp um mir das Vogtland Stadion anzusehen. Wie mutig muss man sein, um sich hier auf der Sprungschanze in die Tiefe zu stürzen!

Die mit acht Kilometern äußerst langgestreckte Stadt ist durch den Musikinstrumentenbau sowie als Ferienort und Wintersportzentrum bekannt. Schon zu DDR-Zeiten war die Einwohnerzahl der stark industrialisierten Stadt rückläufig. Der wirtschaftliche Niedergang nach der Wende beschleunigte diesen Vorgang und auch die günstige Konkurrenz aus Tschechien, zu der seit 2001 ein Straßen- und Eisenbahngrenzübergang hinüberführt, hat an dieser Entwicklung einen keineswegs geringen Anteil.

Klingenthal

In Schwarzenberg, der “Perle des Erzgebirges” sehe ich schon von Weitem das Schloss (das zum Schutz der Handelswege erbaut wurde) und die St. Georgs-Kirche. An deren Fuß ist ein großer Parkplatz, von dem aus ein Schrägaufzug nach oben führt. Perfekt! Ich kann so meine Kräfte stattdessen für einen langen Bummel durch die schöne Stadt einsetzen. Den historischen Kern von Schwarzenberg bildet die Altstadt mit Markt. Auf dem Weg dahin kommt mir aus einer Kaffeerösterei ein herrlicher Duft entgegen. Schnell habe ich der Inhaberin geholfen, für mich einen Tisch im Freien aufzustellen, und schon werde ich mit einem leckeren Cappuccino und einer noch besseren Erdbeertorte verwöhnt.

Schwarzenberg ist bekannt für einen äußerst attraktiven Weihnachtsmarkt. Eine Eisenbahnausstellung findet dann in einem stillgelegten Tunnel statt. Im Winter ist es hier bestimmt auch schön. Und es soll auch immer noch schneesicher sein.

* Bis zum Ende der DDR entwickelte sich die Stadt zum wichtigsten Waschmaschinenproduktionsstandort Osteuropas. Von hier kamen auch die im Westen geschätzten Privileg-Waschmaschinen.

Schwarzenberg
Schwarzenberg

Nicht mehr weit und ich bin in Annaberg-Buchholz angekommen. Der neue Wohnmobilplatz ist schnell gefunden und ich helfe erstmal einem Wohnmobilkollegen sein Gefährt mit Frischwasser zu betanken. Er fährt es schon seit August letzten Jahres, aber einen eigenen Wasserschlauch hat er immer noch keinen! Und dann beginnt es wieder zu regnen. Und das schlechte Wetter hält sich so hartnäckig, dass ich wieder einen weiteren Tag auf die Sonne warte. Und zu Basteln gibt‘s leider auch nichts mehr. Ich beauftrage den örtlichen Pizzadienst, mich mit Essen zu versorgen. Und sie akzeptieren tatsächlich mein Autokennzeichen als Lieferanschrift!

Auf Achterbahnsträßchen geht es weiter nach Marienberg. Die Gegend ist karg, vieles sieht noch aus wie zu Zeiten der DDR (ich habe die DDR sehr oft besucht und damals schon viel gesehen). Der Straßenbelag auf Nebenstrecken ist teilweise noch originales Kopfsteinpflaster. Da wird das Wohnmobil ordentlich durchgeschüttelt (und ich auch)!

Marienberg ist eine nettes, aber unspektakuläres Städtchen (sogar Kreisstadt!). Der Ort hat einen zentralen quadratischen Marktplatz, der zusammen mit dem rechtwinkligen Straßensystem dem Idealbild der Renaissance sehr nahe kommt.

Marienberg – Stadtgründer Heinrich der Fromme

Auf Nebensträßchen geht es weiter bis nach Pirna. Ich schaue mir zuerst den örtlichen Stellplatz an – und finde ihn ehrlich gesagt unterirdisch schlecht. Auf einem Hof mit Betonplattenbelag stehen die Fahrzeuge wie Heringe in der Dose. Die Sächsische Schweiz ist halt doch ein Touristenmagnet. Dass ein paar schöne alte Bäume drum herumstehen, macht den Stellplatz auch nicht attraktiver. Also gewendet und direkt ins Zentrum von Pirna gefahren. Und ich finde mit meinem Gefährt sogar recht schnell einen Parkplatz in Zentrumsnähe.

Eingebettet in die malerische Landschaft des Elbtales, zwischen Dresden und dem Elbsandsteingebirge, liegt Pirna. Die Hauptattraktion ist der Marktplatz und seine Nebensträßchen. Die reizvolle historische Altstadt mit ihren prachtvollen Bürgerhäusern zeugt von einer einst florierenden Handelsstadt. An jeder Ecke gibt es interessante Details, reich verzierte Giebel sowie kunstvolle Erker und Sitznischenportale aus Sandstein zu entdecken. Von Kriegsschäden und Stadtbränden weitestgehend verschont, gibt es in der historischen Altstadt noch Plätze, deren Silhouette über Jahrhunderte erhalten geblieben ist.

Ich mache einen schönen Bummel durch die Stadt und esse am Elbufer in einem netten Restaurant mit Terrasse zu Mittag. Auf der gegenüberliegenden Elbseite sehe ich ein paar Wohnmobile stehen. Ein weiterer Stellplatz*! Der ist zwar auch recht voll, aber schön mit Blick über die Elbe und auf die Altstadt. Und sogar gebührenfrei ist er.

* Leider dürfen Wohnmobile nur von 17 bis 9 Uhr zum Übernachten dort stehen.

Pirna
Pirna
Pirna
Pirna – Elbbrücke
Pirna

Heute werde ich zur Abwechslung von meinem Wecker aus dem Schlaf gerissen. Im Morgengrauen stehe ich schnell auf, Katzenwäsche, eine Tasse Kaffee und dann fahre ich die wenigen Kilometer in die Sächsische Schweiz zur Bastei. Eine knappe halbe Stunde ist es von Pirna (dem “Tor zur Sächsischen Schweiz”) bis dorthin. Kein Mensch ist um diese Zeit unterwegs. Ein herrliches Licht umgibt die bizarre Felsenlandschaft der Bastei. Tolle Fotomotive, wie ich mir das um diese Tageszeit vorgestellt habe. Das frühe Aufstehen hat sich definitiv gelohnt!

Bastei
Bastei
Bastei
Bastei
Bastei

Es ist noch früh am Morgen, als ich alles besichtigt habe. Ich fahre zurück nach Pirna, denn ich muss noch einiges erledigen. Das heißt: Bankgeschäfte (ich lasse am Automaten Geld raus) und Büroarbeit (ich muss einen Briefumschlag für einen versehentlich von Zuhause mitgenommenen Autoschlüssel kaufen, frankieren und zur Post bringen). Das ist alles so anstrengend, dass ich zwischendurch im Straßenkaffee Pause machen muss und auch gleich bis zum Mittagsessen dableibe.

Nach diesen nervenaufreibenden Tätigkeiten kann ich mich nur noch dazu aufraffen, die paar Kilometer bis nach Dresden zu fahren. Auf einem der örtlichen Stellplätze ist genügend Platz, was mich sehr überrascht. Der Platz in Pirna war gestern Nacht voll belegt.

Vom Stellplatz aus sind es gut zehn Minten zu Fuß bis ins Zentrum von Dresden und bis an die Frauenkirche. Bekannt ist Dresden als eine Kulturstadt mit zahlreichen bedeutenden Bauwerken wie dem barocken Zwinger, herausragenden Museen wie der Gemäldegalerie Alter Meister und berühmten Klangkörpern wie der Sächsischen Staatskapelle oder dem Kreuzchor. Die Dresdner Altstadt wurde in großen Teilen rekonstruiert und durch verschiedene architektonische Epochen geprägt, neben dem Zwinger beispielsweise mit der Frauenkirche am Neumarkt, der Semperoper und der Hofkirche sowie dem Residenzschloss. Dresden wird auch Elbflorenz genannt, ursprünglich vor allem wegen seiner Kunstsammlungen; maßgeblich trug dazu sowohl seine barocke und mediterran geprägte Architektur als auch seine malerische und klimatisch begünstigte Lage im Elbtal bei.

Ich verbinge zwei Tage in dieser wunderbaren Stadt. Dresden ist wunderschön, mir persönlich aber “zu barock”. Es erschlägt mich formlich. Trotzdem immer wieder gerne.

Dresden
Dresden
Dresden
Dresden
Dresden

Meine Rundreise führt mich weiter der tschechischen Grenze entlang nach Osten. Ich komme in die Oberlausitz nach Bautzen, die “Stadt der Türme”. Der historische und schön anzusehende Ortskern liegt erhaben auf einem Felsmassiv hoch über der Spree.

Bei Bautzen fällt mir als erstes das Gefängnis und die politische Verfolgung in der sowjetischen Besatzungszone sowie später in der DDR ein. Die unrühmliche Geschichte reicht bis in die Nazi-Zeit zurück, als in den Haftanstalten Bautzen-I, wegen seiner Gebäudefarbe auch “Gelbes Elend” genannt, und Bautzen-II politische Gegner unter unmenschlichen Haftbedingungen gefangen gehalten wurden. Die Arrestzellen und der Isolationstrakt sowie eine Ausstellung zeigen die politisch-historischen Zusammenhänge und dokumentieren die Leiden der Opfer auf erschreckende Weise.

Zum Glück hat Bautzen auch noch anderes zu bieten und ich erlebe im weiteren Verlauf meines Besuches eine freundliche Stadt mit vielen städtebaulichen Schönheiten.

Neben Cottbus ist Bautzen eines der kulturellen Zentren der Sorben. Bekannt sind die Sorben hauptsächlich durch ihre reiche Folklore und Mythologie. Wer hat noch nicht die sorbischen Ostereier gesehen oder die Sage von Krabat gehört? Doch das ist nicht alles, was die Sorben ausmacht. Sie sind ein westslawisches Volk, das in der Lausitz zu Hause ist. In Sachsen leben die Obersorben, in Brandenburg die Niedersorben bzw. Wenden. Die Sorben sind eine nationale Minderheit ohne eigenen Staat, ohne Mutterland oder gar Autonomiegebiete. Wie viele Sorben es noch gibt, kann nicht eindeutig gesagt werden, da deutsche Staatsbürger ihre Nationalitätenzugehörigkeit nirgendwo angeben müssen. Es wird jedoch geschätzt, dass es noch 20.000 aktiv sprechende Sorben gibt bzw. 60.000 nach subjektivem Zugehörigkeitsgefühl. Die Sorben haben eine eigene Sprache und Kultur, die nicht nur in verschiedenen Vereinen und Gruppen gepflegt wird, sondern noch lebt. Gerade deswegen fallen vielerorts im sorbischen Siedlungsgebiet in der Lausitz zweisprachige Ortsschilder und Bezeichnungen an öffentlichen Gebäuden in deutscher und sorbischer Sprache auf. Außerdem tragen vor allem in der katholischen Gegend ältere Frauen noch täglich die sorbische katholische Tracht, jüngere nur zu großen Feiertagen. Die offensichtlichsten Merkmale der Sorben sind Sprache und Kultur, also das Brauchtum. Zum sorbischen Selbstbewusstsein gehört jedoch auch eine Menge moderner Einrichtungen. Dies sind nicht nur der Hörfunk (obersorbisch beim MDR, niedersorbisch beim RBB) und das Fernsehen (obersorbisch “Wuhladko” beim MDR, niedersorbisch “Łužyca” beim RBB), sondern auch andere Einrichtungen, die sich professionell mit der sorbischen Sprache und Kultur beschäftigen.

Bautzen
Bautzen
Bautzen
Bautzen

Im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Polen liegt im äußersten Südosten das sächsische Zittau. Das Städtchen liegt an den Flüssen Mandau und Neiße. Die Bezeichnung „Dreiländereck” kann man hier wörtlich nehmen, denn direkt an das Stadtgebiet schließt sich die Grenze zu Polen an und nur wenige Kilometer weiter südlich beginnt die Grenze zu Tschechien. Dem mit dem Tuchhandel und der Leinenweberei gewonnenen wirtschaftlichen Reichtum verdankte es Zittau, von den anderen Orten des Oberlausitzer Sechsstädtebundes anerkennend und sicher ein wenig neidvoll „die Reiche“ genannt zu werden. Die Zeiten, in denen der Städtebund ein Schutzbund gegen Räuberbanden und Wegelagerer war, sind lange vorbei und die ehemals so blühende Textilindustrie ist längst nicht mehr so kraftvoll wie einst. Doch eine wohlhabende Stadt ist Zittau noch heute.

Zittau
Zittau
Zittau

Mein Rundgang durch die Stadt ist sehr eindrucksvoll. Im Museum der Kreuzkirche kann ich einen religiösen Kunstschatz von herausragender Bedeutung weit über Deutschlands Grenzen hinaus, das Große Zittauer Fastentuch von 1472 bestaunen. Auf seiner beeindruckenden Fläche von 8,20 m Höhe mal 6,80 m Breite erzählt es in 90 Bildern die biblische Geschichte und gehört – neben dem Teppich von Bayeux – zu den wertvollsten textilen Kunstwerken des Abendlandes. Das große Zittauer Fastentuch ist das einzige seiner Art in Deutschland und das drittgrößte überlieferte Fastentuch überhaupt. Im Museum „Kirche zum Heiligen Kreuz” wird es in der größten Museumsvitrine der Welt gezeigt. Ein Fastentuch, auch Hungertuch genannt, dient der Verhüllung des Altarraums während der Fastenzeit. Im Chorbogen der über 600 Jahre alten gotischen Kirche zum Heiligen Kreuz erhält das kostbare Zittauer Exemplar seinen würdigen Rahmen.

Von Zittau aus mache ich, vorbei an Herrnhut*, einen kleinen Ausflug ins kaum 30 Kilometer entfernte Obercunnersdorf. Im Jahr 1221 erstmalig urkundlich erwähnt, zählt Obercunnersdorf zu den traditionsreichsten und schönsten Orten der Oberlausitz. Charakteristisch und deutschlandweit einmalig sind die mehr als 250 Umgebindehäuser, die das malerische Ortsbild prägen. Als liebevoll erhaltene Zeitzeugen berichten sie Besuchern noch heute von der ländlichen Lebensweise und der Entwicklung einer unvergleichlichen Architektur, die zu einer der bedeutendsten Volksbauweisen in ganz Europa gehört. Diese originelle Volksarchitektur vereint in sich die slawische Blockstube und die fränkische Fachwerkbauweise der deutschen Siedler. Die Oberlausitz kann mit tausenden Umgebindehäusern auf das größte geschlossene Gebiet einer einmaligen Volksbauweise in Europa verweisen.

Entlang des Dorfbachs schlendere ich an üppigen Bauerngärten vorbei und sehe mir das wunderschöne und liebevoll erhaltene Dorf an. Heile Welt wohin ich blicke!

* Dieser Ort ist der Ursprung der Herrnhuter Weihnachtssterne. Von einem Erzieher im Mathematikunterricht erdacht, diente er zum Vermitteln eines besseren geometrischen Verständnisses. 1897 erfand Pieter Hendrik Verbeek das erste Modell, das sich zusammensetzen und auseinandernehmen ließ und so auch verschickt werden konnte. Es bestand aus einem stabilen Papierstern mit 25 Zacken, der in seinem Innern aus einem Blechkörper mit Schienen bestand. Auf ihn konnten 17 viereckige und acht dreieckige Zacken aufgeschoben werden. Ein offen gebliebenes Viereck diente dazu, den Stern mittels einer Petroleumlampe oder mit Hilfe von elektrischem Licht zu beleuchten. Verbeek meldete seine Erfindung, die Herrnhuter transparenten Weihnachtssterne zum Patent an. Anschließend schloss er mit der Brüder-Unität einen Vertrag, gründete eine Papierwaren- und Kartonagenfabrik, in der die manufakturmäßige Herstellung und der Vertrieb der Original Herrnhuter Sterne stattfand.

Obercunnersdorf
Obercunnersdorf
Obercunnersdorf

Auf dem Rückweg nach Zittau will ich mir noch Löbau anschauen. Ein nettes Örtchen (eigentlich ja sogar eine Kreisstadt). Aber der Ort wirkt doch sehr verschlafen. Einzig die schöne Kirche im Zentrum hat Anziehungskraft auf mich.

Löbau
Löbau

Ich habe den östlichsten Punkt meiner Reise erreicht und drehe nun ab nach Norden (bis ich die Ostsee erreicht habe) und komme so nach Görlitz. Diese Stadt ist für mich der bisherige Höhepunkt meiner Deutschland-Umrundung. Ich finde diese Stadt einfach wunderschön. Gelegen an der alten Handelsstraße „via regia”, war Görlitz im Mittelalter einflussreiches Zentrum des Handels und der Wissenschaften in Europa. Aus der Zeit der Tuchmacher stammen die einzigartigen Hallenhäuser mit Zufahrten so breit, dass ein komplettes Pferdefuhrwerk hindurchpasst. Die Bauwerke aus Spätgotik, Barock, Renaissance und Jugendstil gehören zu den besterhaltenen in Mitteleuropa. Insbesondere die Altstadt fasziniert mich. Stunde um Stunde streife ich um die Häuser und kann mich an der im Zweiten Weltkrieg kaum zerstörten Stadt nicht sattsehen.

Und es gibt noch eine Besonderheit: Nach dem Krieg geteilt, wurde Görlitz 1998 mit ihrer polnischen Schwesterstadt zur Europastadt Görlitz/Zgorzelec erklärt. Über eine Brücke verbunden, kann man heute an einem Tag eine Stadt und zwei Kulturen kennen lernen.

Görlitz mit Neiße
Görlitz
Görlitz
Görlitz
Görlitz
Görlitz

Gut eine Stunde Fahrzeit von Görlitz entfernt liegt das kleine Museumsdorf Erlichthof. Der Erlichthof ist die Rekonstruktion eines typisches Heidedorfs des 19. Jahrhunderts. Schrotholzhäuser waren die typischen Wohngebäude der nördlichen Oberlausitz. 1991 hatte man begonnen, einige dieser altehrwürdigen Zeitzeugen in das Teichgebiet bei Rietschen umzusetzen. Mittlerweile ist eine stattliche Siedlung entstanden.

Die Schrotholzhäuser erbaute man aus Kiefernstämmen. Die Bäume wurden drei bis vier Jahre vor dem Fällen im Wald ausgewählt und unterhalb der Baumkrone geringelt (spiralförmiges Abtrennen der Rinde). Somit konnte sich im Stamm Harz ansammeln, das auf natürliche Weise die späteren Balken konservierte und vor Schädlingsbefall sowie anderen Umwelteinflüssen schützte. Nach dem Fällen wurden die Stämme mit dem Breitbeil “geschrotet” (kantig behauen) wodurch sie ihre Form und ihren Namen erhielten. Die ältesten Blockbauten sind über 300 Jahre alt.

Das kleine Freilichtmuseum ist recht hübsch, es gibt ein kleines Cafe und eine kleine Gastwirtschaft für das leibliche Wohl, und für die Wohnmobilisten einen tadellosen Übernachtungsplatz.

Erichthof
Erichthof
Erichthof

Noch ein kleines Stück entlang der polnischen Grenze und ich bin am nördlichsten Punkt meiner Rundreise in Sachsen angekommen: Bad Muskau. Die Strasse führt durch ein riesiges Sperrgebiet, ein Truppenübungsplatz der Bundeswehr. Ich bin froh dass heute Sonntag ist, damit ich die Soldaten im Wochendurlaub weiß. Über Kilometer zieht sich das gesperrte Gebiet, und mitten drin eine Bushaltestelle! Für wen? Für die fußkranken Soldaten? Sehr merkwürdig!

In Bad Muskau hat Fürst von Pückler-Muskau ein Schloss und einen Landschaftsgarten geschaffen. Ein riesiger Park, der sich beiderseits der Neiße in Deutschland und Polen erstreckt. Man könnte dort stundenlang spazieren gehen. Für mich ist das allerdings nichts, denn ohne Grund laufe ich ungern umher.

Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785–1871) schuf beiderseits der Neiße ein Meisterwerk (seit 2004 auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes) das als der klassische Landschaftsgarten bezeichnet wird. Der grüne Fürst gilt als Begründer der modernen Landschaftsgestaltung mit Einflüssen, die über Europa hinaus bis nach Amerika reichten. Pücklersche Prinzipien sind nach wie vor aktuell: Mit seinen 1834 erschienenen „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ verfasste er ein bis heute viel zitiertes Lehrbuch. Neben allgemeinen Hinweisen zur Anlage eines Landschaftsgartens beschreibt Pückler darin seine Vision des Muskauer Parks, der sich heute auf dem Territorium zweier Staaten erstreckt. Durch einen gemeinsamen deutsch-polnischen Antrag gelangte der Park auf die Welterbe-Liste. Nicht zuletzt wurde damit das grenzüberschreitende Management bei der Pflege des kulturellen Erbes von Pückler gewürdigt.

Bad Muskau
Bad Muskau
Bad Muskau

Meine Rundreise durch Deutschland in Sachsen ist hier zu Ende. Der nächste Reiseabschnitt geht weiter entlang der polnischen Grenze bis an die Ostsee.

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